Eine Pizza für zwei Päpste

Wie es gewesen sein könnte: Anthony Hopkins und Jonathan Pryce machen „Die zwei Päpste“ zum großen Schauspielkino.

Zwiegespräch zweier Kirchenmänner: Joseph Ratzinger (Anthony Hopkins, links) und Jorge Mario Bergoglio (Jonatha­n Pryce), der wenig später zum neuen Papst gewählt werden wird.
© Netflix

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –Im Vatikan gehen die Uhren anders. Bewegendes, ja Weltbewegendes findet hinter dicken Mauern statt – und über die Mechaniken der Macht können Außenstehende bestenfalls spekulieren. Wahrhaftig Überraschendes freilich gibt es selten zu berichten. Da war das Jahr 2013 eine gehörige Ausnahme: Erstmals seit 1415 dankte ein Papst ab. Benedikt XVI., der deutsche Papst, zog sich in den Vorruhestand zurück. Ein neuer, ein zweiter Papst musste gefunden werden.

Anthony McCarten, zweifach Oscar-nominierter Drehbuchautor („Die Entdeckung der Unendlichkeit“, „Die dunkelste Stunde“), hat über die unerwartete Ausnahmesituation zunächst ein Theaterstück und dann ein Sachbuch geschrieben. Und nun aus beidem im Verbund mit dem brasilianischen Regisseur Fer­nando Meirelles („City of God“) ein Filmscript gemacht. Finanziert wurde „Die zwei Päpste“ vom Streamingdienst Netflix, wo der Film nach kurzer Kinoauswertung ab 20. Dezember abrufbar sein wird.

„Die zwei Päpste“ erzählt die historische Einmaligkeit als im Grunde genommen kleine Geschichte: Zwei Kirchenmänner begegnen einander. Der eine, Joseph Ratzinger, ist überzeugt, nicht mehr zu können. Der andere, Jorge Mario Bergoglio, muss sich erst überzeugen, überhaupt zu wollen. Ob die Treffen tatsächlich so verlaufen sind, lässt sich nicht überprüfen. Aber es könnte sich so zugetragen haben.

Das lässt Freiraum für Spekulationen. Lediglich der zeitliche und biografische Rahmen und die Kostüme der zwei lebenden Päpste sind vorgegeben. Das Kammerspiel ist erfrischend zügig erzählt, von ABBAs „Dancing Queen“, südamerikanischen Klängen und „Bella Ciao“ begleitet. Der Film lebt von der Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten. Wo die Sympathien liegen, wird schnell deutlich: Der spätere Popstar-Papst Franziskus darf seinen argentinischen Humor und Bescheidenheit demonstrieren, Ratzinger antwortet mit deutschem Ernst.

„Die zwei Päpste“ ist großes Schauspielkino. Ausgerechnet Anthony Hopkins, unvergessen als kühler Kino-Kannibale im „Schweigen der Lämmer“, wird zu Joseph Ratzinger. Ihm gegenüber verwandelt sich der allzu oft unbesungene Jonathan Pryce, der zuletzt für Terry Gilliam den „Don Quixote“ gab, in den Argentinier Bergoglio. Die beiden tragen den Film mit ihrer Präsenz und ihrem kontrastreichen Zusammenspiel. Lediglich einige aufwändige Rückblenden auf Bergoglios umstrittene Rolle in der argentinischen Militärdiktatur sprengen den Rahmen des vatikanischen Kammerspiels. Diese Geschichte beichtet Bergoglio seinem bayerischen Chef, bevor er mit ihm in der Sakristei der Sixtinischen Kapelle Pizza isst.

Für die vielen Skandale der katholischen Kirche interessiert sich Fernando Meirelles kaum. In einer vielsagenden Szene blendet er den Ton punktgenau aus, als Ratzinger über seine Versäumnisse im Umgang mit pädophilen Priestern zu sprechen kommt.

Am stärksten ist „Die zwei Päpste“ in den menschlichen Momenten der Zweisamkeit der beiden so unterschiedlichen alten Männer. Wenn sich Fußballfan Bergoglio für seinen Lieblingsstürmer bekreuzigt. Oder Ratzinger mit den Beatles bekannt macht – und dieser von Zarah Leander schwärmt. Nur um eines geht es in diesem Papstfilm konsequenterweise nicht: Gott.


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