Wiener Kammeroper zeigt „Giustino“

Händel im Kleid von Tarantino - nur ohne das charakteristische Spannungselement des Kultregisseurs. Auf diese knappe Formel lässt sich der „Giustino“ des Barockheroen in der Wiener Kammeroper bringen, den Regisseur James Darrah bei seinem Österreichdebüt inszeniert. Ein reizvoller Grundgedanke, der bei der Premiere am Mittwoch jedoch auf halber Strecke stecken blieb.

Händel hatte seine Heldengeschichte um den Aufstieg des Bauern Giustino eigentlich im Byzanz des 6. Jahrhundert angesiedelt und dafür auf ein Libretto zurückgegriffen, das zuvor auch schon Vivaldi vertont hatte. Der US-Theatermacher Darrah siedelt das klassische, barocke Intrigenspiel nun in einem Wüstenmotel namens „Constantinopel“ an.

Die Protagonisten sind hippieartige Figuren inklusive eines Charles-Manson-Verschnitts als Bösewicht, Schauplatz sind die verschiedenen Zimmer des Motels. So weit, so gut, ginge doch die Transponierung ins Ambiente von Wim Wenders‘ „Paris, Texas“ oder Tarantinos jüngstem Erfolg „Once upon a time in ... Hollywood“ durchaus auf. Es entsteht allerdings nach wenigen Minuten der Eindruck, dass der Regisseur nicht so recht weiß, was er mit der selbst geschaffenen Welt anfangen soll. Die Dynamik, die Energie fehlen über weite Strecken.

Hinzu kommt immer wieder die Angst vor der eigenen Courage, die manch stimmigen Ansatz zerstört. So werden etwa ein angreifender Bär und ein Seemonster zu Vergewaltigern - was Darrah dann wieder selbst konterkariert, indem er die Aggressoren mit Bärenmaske oder Leintuch verkleidet. Zugleich bietet dieser „Giustino“ durchaus positive Ansätze wie etwa die deutlich aufgewertete Partie der Arianna, die in der Interpretation von Junge-Ensemble-Star Jenna Siladie vom Objekt der Begierde zum starken Machtmenschen mutiert.

An ihrer Seite zeigte sich der kurzfristig für Victor Jimenez Diaz eingesprungene Gast Meili Li in der Titelpartie mit sehr gut geführtem, eleganten Counter, der zwar primär für das ausgefeilte Adagio und nicht für die Bravourarien, gemacht scheint, die der „Giustino“ aber ohnedies nicht bereithält. Koloraturstärker, dafür wohlklangärmer gesellte sich ihm als einziges weiteres Nicht-Mitglied des Jungen Ensembles (JE) der polnische Counter Rafal Tomkiewicz als kleiner Wüterich Anastasio bei.

Auch wenn das aktuelle Junge Ensemble (JE) des Hauses keine dezidierten Barockexperten umfasst, zeigte die Truppe doch stimmfreudigen Einsatz, wobei vor allem Bariton Kristjan Johannesson herausstach, der in seiner Zeit im JE deutlich an Agilität gewonnen hat - stimmlich wie in puncto seiner körperlichen Bühnenpräsenz. Vom Energielevel her traf er sich am Abend mit Markellos Chryssicos, der mit dem Bach Consort bereits zum dritten Mal eine barocke Oper in der Kammeroper dirigierte.

Der „Giustino“ war 1737 ein letzter, verzweifelter Versuch Händels, die Londoner Stimmung für die italienische Oper doch noch zu drehen und sein Opernunternehmen zu retten - was misslang. Das dürfte der Kammeroper bei allen Schwächen des Wiener „Giustinos“ dann aber doch nicht ins Haus stehen.

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