Tiroler Olympia-Hoffnung Ermacora: „Am Anfang war es eine Bettlerei“

In der Winterpause nahm sich Tirols Beachvolleyball-Ass Martin Ermacora (25) Zeit für die TT und sprach über eheähnliche Verhältnisse, den Klimawandel und den Traum von Olympischen Sommerspielen 2020.

Zuletzt eilten Emracora/Pristauz von Erfolg zu Erfolg. Das große Ziel lautet Tokio 2020.
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Ihre zweite Saisonhälfte mit Partner Moritz Pristau­z war – inklusive der EM-Bronze­medaille – über­ragend. Wohin kann die Reise noch führen?

Martin Ermacora: Unser Ziel sind nach wie vor die Olympischen Spiele in Tokio (2020, Anm.). Auch wenn das vor einem halben Jahr noch unvorstellbar schien: Es ist nach wie vor ein extrem steiler Weg, aber allein, dass wir die Chanc­e noch haben, uns zu qualifizieren, zeigt, wie gut unser Jahr war.

Wie stehen die Chancen auf eine Qualifikation?

Ermacora: Der Weg über die Weltrangliste wird ein sehr schwerer sein. Da kämpfen acht Teams um drei, vier Plätz­e. Da brauchen wir bei jedem künftigen Turnier mindestens ein Viertelfinale. Das ist uns zuletzt gut gelungen, darum ist das Saisonende aus dieser Sicht etwas bitter. Auf der anderen Seite tut der kurz­e Abstand gut.

Gab es ein spezielles Erlebnis, das die guten Ergebniss­e ermöglichte?

Ermacora: Wir haben zunächst in den entscheidenden Momenten einfach nicht abgeliefert. Das hat viel Substanz gekostet. Zwei Wochen vor Wien (Ende Juli, Anm.) waren wir in Portugal und sind sang- und klanglos untergegangen. Das war der Tiefpunkt. Im Anschluss haben wir zwei Wochen lang durchgehend mit Stelian Moculescu (Star-Coach, Anm.) trainiert und den Fokus nur noch auf kleine Spielchen gelegt, die weniger mit Volley­ball und mehr mit dem Kopf zu tun hatten. Das hat gefruchtet.

Ein mentaler Befreiungsschlag sozusagen.

Ermacora: Zuvor sind wir in engen Situationen stets in alte Muster verfallen. Ab dem Moment haben wir ein weicheres Spiel statt der Brechstange ausgepackt. Beachvolleyball ist Kopfsache. Du hast keinen Trainer, kannst nicht ausgewechselt werden und musst dich sprichwörtlich selbst aus der Scheiße ziehen. Auf einmal waren wir bei der EM in Russland, bei eisigen Temperaturen und vor gefühlten 50 Zuschauern, die auch noch gegen uns waren – trotzdem haben wir abgeliefert. Ein Schlüsselerlebnis.

Szenen einer Beachvolleyball-Ehe: Martin Ermacora ist rund 300 Tage im Jahr mit Teamkollege Moritz Pristauz auf Tour.
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Moritz Pristauz und Sie sind 300 Tage im Jahr gemeinsam unterwegs. Sind das eheähnliche Verhältnisse?

Ermacora (lacht): Das kann man wohl sagen. Wir verstehen uns sehr gut. Das macht die Sache aber nicht leichter, denn du musst nach den Trainingseinheiten die Dinge ansprechen, die unangenehm sind. Da musst du einfach eine Trennlinie ziehen. Das schaffen wir inzwischen. Wir sind zu lange zu brav miteinander umgegangen. Es gibt Pärchen, die schreien sich gegenseitig an – wir sind das nicht. Am Ende kommt es immer auf die Wortwahl an.

Trotzdem wird man sich hin und wieder auf die Nerven gehen, oder?

Ermacora: Wir haben seit heuer immer einen Physiotherapeuten (Physio 1.0, Anm.) dabei, mit dem wir eine freundschaftliche Basis pflegen. Die Freundin von Mo spielt auch Beach­volleyball, bei der ist er dann öfters. Da hast du Raum für dich. (lacht)

Sie haben mit Hallen-Volley­ball (Hypo Tirol) angefangen, sich aber schnell für Beachvolleyball entschieden. Warum?

Ermacora: In den Nachwuchsjahren habe ich im Sommer immer Beachvolley­ball gespielt und irgendwann ist das immer mehr geworden. Nach dem Bundesheer musste ich mich entscheiden und zunächst wusste ich nicht, was ich tun soll. So kam zuerst die Entscheidung pro Halle. Aber gleich im ersten Sommer, in dem ich nicht Beachvolleyball spielen konnte, habe ich gemerkt, wie sehr mir das fehlt. Das war entscheidend.

Martin Ermacora ist nicht auf den Mund gefallen. Das sagt der Innsbrucker auch selbst.
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Dabei steht und fällt beim Beachvolleyball ja alles mit einem selbst. Man muss sich um alles kümmern.

Ermacora: Wenn ich kein Geld habe, kann ich nicht spielen, so einfach ist das. Am Anfang war es eine Bettlerei. Ohne die Finanzspritz­e meines Vaters wäre das echt nicht möglich gewesen. Das Zimmer in Wien musste finanziert werden, denn nur dort hast du die besten Trainingsmöglichkeiten, und da bin ich ihm extrem dankbar. Ebenso dem Bundesheer, das uns unterstützt. Da hat man weniger Kopfkino.

Die aktuellen Erfolge werden auch etwas verändert haben.

Ermacora: Mittlerweile kommen einige Sponsoren auf uns zu, weil wir gut in ihr Konzept passen und wir nicht auf den Mund gefallen sind. (lacht)

Trotzdem müssen Sie so gut wie alles selbst organisieren. Wie leicht fällt das?

Ermacora: Einiges mache ich sehr gerne. Aber wenn du mitten in einem Turnier steckst und dann sollst du noch die sozialen Medien bedienen – dafür habe ich wirklich keinen Kopf mehr. Diese Sachen haben wir mittlerweile allesamt ausgelagert. Viele Leute stellen sich das oft einfach vor, aber wenn du 50 Flüge im Jahr inklusive Storno- und Umbuchungsgebühr einrechnen musst, wird es viel. Und zusätzlich musst du ja schaue­n, dass das Hotel in der Nähe des Spielorts ist usw. Da ist es keine Sache mehr von nur 15 Minuten.

Mittlerweile sieht man auch bei uns immer mehr Beachvolleyball-Plätze.

Ermacora: Früher war da gar nichts, das hat sich erfreulicherweise geändert. Allerdings fehlt die Stufe zwischen dem Hobby- und dem Profi-Dasein. Die Sportart boomt, aber man könnte generell mehr daraus machen. Das betrifft aber auch unsere Profi-Ebene. Wenn ich daran denke, wie wenig Unterstützung wir vom Verband bekommen ... Das liegt aber nicht am Verband, sondern daran, dass die Mittel einfach nicht zur Verfügung stehen. Daran ist die Förder- und Sportpolitik in unserem Land schuld. Allein, was die Gelder im Vergleich zum Jahr 2016 betrifft – da liegen wir bei einem Viertel dessen, was damals zur Verfügung stand.

Was müsste sich ändern?

Ermacora: Man braucht einen Sportminister, der vom Fach kommt. Das ist nicht einfach, ich weiß. Aber einerseits wollen sich die Politiker gerne mit den Sportlern zeigen, andererseits gibt es keine durchdachte Reform. Natürlich ist es schon generell schwierig, wenn der Sport an die Politik gekoppelt ist und bei uns gefühlt alle drei Jahre Neuwahlen sind.

Themenwechsel: Kommt man in Zeiten des Klimawandels mit so vielen Flügen oft in Erklärungsnot?

Ermacora: Ein ganz schwieriges Thema. Ich kann nicht mit dem Segelschiff nach Brasilien zum Turnier fahren. Darum versuche ich in meinem Bereich zu schauen, was möglich ist, indem ich sehr auf Regionalität achte. Auf der anderen Seite will ich kein Spielverderber sein, aber der Klimawandel muss global gelöst werden. Vor allem, wenn Sie in Brasilien beim Abendessen sitzen und man Ihnen jedes Besteck einzeln in Plastik verpackt hinlegt. Da wartet viel Arbeit.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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