Literaturnobelpreis für Handke: Mit dem Widerspruch leben und widersprechen

Die wiederkehrende Irritation über Handkes Jugoslawien-Engagement zeigt, dass die Wunden der Balkankriege noch nicht verheilt sind.

Peter Handke während seiner Rede am 7. Dezember.
© APA/AFP/TT News Agency

Von Joachim Leitner

Als Peter Handke vor gut zwei Monaten der Literaturnobelpreis 2019 zuerkannt wurde, sah Michael Krüger, langjähriger Chef des Münchner Hanser Verlags, darin eine Chance. „Vielleicht lassen sich politische Irritationen, die seine Texte über Jugoslawien auslösten, dadurch zurechtrücken“, hoffte der enge Freund Handkes im Gespräch mit der TT.

Ob es diese Chance wirklich gab, ist fraglich. Genutzt jedenfalls wurde sie nicht. Der Eiertanz von einst ging in die nächste Runde. Die Irritation blieb. Und sie wird bleiben. Auch weil sich Peter Handke auf irritierende Auftritte versteht. Er irritierte schon lange, bevor er sich auf seine „Winterliche Reise zu den Flüßen Donau, Save, Morawa und Drina“ begab. Irritation begleitet Handke seit jeher, sein Schreiben und die Autorenrolle, die er spielt: Die Irritation, die seine schnoddrige Brandrede bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton auslöste, machte ihn berühmt. Jene, die sein Stück „Publikumsbeschimpfung“ begleitete, berüchtigt. Und dass sich der schreibende Popstar ausgerechnet in studentenbewegten Zeiten zum „Bewohner des Elfenbeinturms“ erklärte – und von dort weiterhin saftig austeilte –, dürfte manche ebenso irritiert haben wie seine spätere Innerlichkeitspoetik samt Klassikerbeschwörung. Doch auf dem Weg nach Jugoslawien, der 1986 mit dem Meisterwerk „Die Wiederholung“ begann, verließ Handke auch den Raum des Literarischen. Oder er erweiterte ihn. Die nun zum wiederholten Mal geführte Debatte über die Trennung von Werk und Autor führt daher ins Nichts. Im Fall von Handke lässt sich das nicht trennen. Handkes Winterreise war das Resultat seiner Wut über einseitige Berichte und eine Sprache, die Behauptungen zu Wahrheiten erklärt – dabei zog er auch Wahrheiten in Zweifel. Auch zum Begräbnis von Miloševic´ fuhr er aus Wut über einseitige Urteile. Den „starken Worten“ wollte er mit „schwachen Worten“ begegnen – und mit Miloševic´ auch sein Sehnsuchtsland Jugoslawien begraben. Was den Auftritt nicht weniger problematisch, nicht weniger irritierend machte. Handke sprach, obwohl er wusste, was er damit auslöst. Er sprach, obwohl er es besser wusste.

Dass Handkes Auszeichnung viele in Rage versetzt, ist berechtigt. Es führt vor Augen, dass die Wunden, die der Bürgerkrieg geschlagen hat, noch lange nicht verheilt sind, dass noch viele Geschichten nicht erzählt wurden. Saša Stanišic wurde für eine dieser Geschichten, die er mit „Herkunft“ überschrieb, mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet – und hat seine Wut auf Peter Handke in seine Dankesrede gepackt.

Auch „Die guten Tage“, der erste Roman von Marko Dinic´, ist ein wunderbar wütendes Buch über das, was war, und das, was immer noch ist. Von Dinic´ stammt der treffendste Satz über Handkes Kür zum Nobelpreisträger. Nach der Bekanntgabe schrieb er im Standard: „Ich begrüße (...) die Entscheidung der Schwedischen Akademie. Verzeihen werde ich ihr das aber nicht.“

TT-ePaper testen und eine von drei Gasser Tourenrodeln gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Die TT verlost drei Gasser Tourenrodeln und 50 Thermosflaschen

Peter Handke hat großartige Bücher geschrieben – und er hat sich heillos verrannt. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben. Und Peter Handke muss Widerspruch ertragen.


Kommentieren


Schlagworte