„Der Henker“ im Akademietheater: Stelldichein in der Todeszelle

Akademietheater: Mateja Koležnik inszeniert „Der Henker“ der vergessenen Exilautorin Maria Lazar.

Hintergründige Spielfiguren in Maria Lazars Bühnen-Parabel: Mörder (Itay Tiran) und Hure (Sarah Viktoria Frick).
© Horn

Wien –Wie Rilkes „Panther“ bewegt sich der Mörder in den ihm zugedachten vier Wänden, misst mit kleinen Schritten seine Zelle aus – und hat noch eine Nacht zu leben, bevor das Todesurteil vollstreckt wird. Sein letzter Wunsch ist es, seinen Henker kennen zu lernen.

Entlang dieses Aufeinandertreffens entspinnt sich holzschnittartig ein symbolistisches Gleichnis über Moral und Unmoral, von Pflichterfüllung und Gehorsam.

In ihrem Burgtheaterdebüt gestaltet die gefeierte slowenische Regisseurin Mateja Koležnik den 1921 uraufgeführten Einakter „Der Henker“ der im schwedischen Exil verstorbenen österreichischen Schriftstellerin Maria Lazar zu einem von raffinierte­r Wiederholung gekennzeichneten Hochamt.

Itay Tiran, der israelische Schauspieler und Regisseur, dessen Inszenierung von Wajdi Mouawads „Vögel“ im September am Akademietheater Premiere feierte, gibt nun ebendort den Delinquenten.

Fahrig, fast flirrend, erschreckend kaltblütig oder verzweifelt nach Antworten suchend hetzt dieser in sich verlorene Gewalttäter über die schmale Bühne.

So wie die Szenen immer wiederkehren, verschiebt sich der immer gleiche, klinische Raum (Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt), den ein ständiges Sirren, das Geräusch eines tropfenden Wasserhahns oder dumpfe Klänge zusätzlich einengen.

Der Mörder ersehnt eine menschliche Regung, die der bevorstehenden Aufgabe des Henkers zugrunde liegen soll. Zu tun hat er es jedoch mit einem biederen Pflichterfüller und Kleingärtner mit einer Leidenschaft für Kapuziner­kresse. In der Rolle dieses braven Herrn Winter glänzt Martin Reinke. Er ist ganz schusseliger Privatmann und unbestechlicher Beamter – bis der Mörder ihn auf grauen­volle Weise dazu zwingt, „Gefühl“ zu zeigen.

Zum Rendezvous im Gefängnis erscheint, neben dem Henker und dem vom Verurteilten abgelehnten Priester (Gunther Eckes), die Dritt­e im Bund einer bizarren Dreifaltigkeit: die Hure, die mörderisch zu Diensten sein wird. Sarah Viktoria Frick, von Kostümbildnerin Ana Savic-­Gecan mit den üblichen Attributen wie grellen Shorts und hochhackigem Schuhwerk versehen, wechselt gekonnt zwischen lasziver Überlegenheit und unterwürfiger Hingabe, was einige beklemmend­e Momente erzeugt.

Enthusiastischer Applaus beschloss den 90-minütigen Premierenabend, der nicht zuletzt im Nachdenken über das Gesehene als bemerkenswert und gelungen gelten kann. (lietz)


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