Bunt gewebte Umhänge für die Seele im Kunstraum

Ivana Marjanovic, die neue Leiterin des Kunstraums Innsbruck, zeigt in der ersten für „ihr Haus“ kuratierten Ausstellung die feministisch bewegte mexikanische Multimediakünstlerin Naomi Rincón Gallardo.

Still aus dem 2017 entstandenen, mehrteiligen Video „The Formaldehyde Trip“ der mexikanischen Künstlerin Naomi Rincón Gallardo.
© fabiola torres alzaga

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Der Einstand von Ivana Marjanovic, der neuen Leiterin des Innsbrucker Kunstraums, ist vielversprechend. Führt sie in der ersten von ihr kuratierten Ausstellung doch vor, dass scharf formulierte Zeit- und Gesellschaftskritik nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommen muss, sondern erfrischend unterhaltsam sein kann. „May Your Thunder Break the Skin“ nennt die derzeit in Wien lebende mexikanische Multimediakünstlerin Naomi Rincón Gallardo ihr Innsbruck-Gastspiel, für das sich der Besucher rund ein­e Stunde Zeit nehmen sollt­e. Um sich einlassen zu können auf die diversen Videos und Objekte, die in eigenartig surreale Welten entführen, die allerdings sehr viel mit der realen zu tun haben.

Erzählt von der unübersehbar feministisch bewegten 40-Jährigen aus hautnaher Betroffenheit heraus. Als „spekulative Fiktion“ bezeichnet Gallardo das, was sie tut, inspiriert von Initiativen indigener mexikanischer Frauen. Denn der Ausgangspunkt ihrer opulent bunt inszenierten Videos sind reale Geschichten, um sie in fiktive zu verwandeln. Da geht es um die koloniale Vergangenheit Mexikos genauso wie um neokoloniale Strukturen, um die Macht des internationalen Kapitals, die Zerstörung der Natur, Migration, Faschismus, Machismus und neue Formen von Sklaverei.

Wie Gallardo diese brisante Thematik aufbereitet, geht, gerade weil sie so unterhaltend daherkommt, unter die Haut. Indem sie uralte Mythen mit Botschaften von heute auflädt, verpackt zu Geschichten, die letztlich Hoffnung suggerieren. Etwa in der Form eines skurril queeren Wesens, dessen Gliedmaßen, aber auch dessen Hirn die Eigenschaft haben, immer wieder nachzuwachsen. Wobei in Naomi Rincón Gallardos Kunst eindeutig die Frauen die Guten sind. Die alles sind: Lebensspenderin genauso wie Freundin, Geliebte oder Führerin. Begabt mit der Fähigkeit, in ihrer intuitiven Verbindung mit den Göttern von gestern Umhänge für die Seele zu weben. Wobei diese alten Götter weder männlich noch weiblich sind.

Bisweilen lassen die Ritual­e, die hier zelebriert werden, in ihrer Skurrilität an Voodoo denken. Wenn schräg aus diversen Versatzstücken gebastelte Masken im Raum hängen, inspiriert wie die Gewänder, die die Akteure der Videos tragen, von archaischen volkskünstlerischen Traditionen. Um trotzdem ganz im Hier und Heute verortet zu sein, wie nicht zuletzt die Musik als wesentliches Element von Gallardos Kunst klarmacht. Wichtig zum Verständnis ihrer Botschaften sind aber auch die Texte, mit denen die Videos unterschrieben sind.

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Einen ersten Versuch, den kunsträumlichen White Cub­e Richtung Stadtraum zu verlassen, unternimmt Marjanovi­c am 24. Jänner, wenn Gallardo­s Video „The Formaldehyd­e Trip“ um 20 Uhr im Rahme­n eines performativen Screening­s im Café DeCentral (Halle­r Straß­e 1) zu sehen sein wird.


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