Atemlos durch die Jahrhunderte

Hochspannung an der Wiener Staatsoper: Mit Olga Neuwirths „Orlando“ geht am Sonntag eine „Opera-Performance“ der Superlative an den Start.

Olga Neuwirth ist die erste Frau, von der ein Stück an der Wiener Staatsoper uraufgeführt wird.
© Harald Hoffmann

Von Stefan Musil

Wien –„Es handelt sich um eine Uraufführung, und ich bin kein toter Komponist. Wenn ich lebe, habe ich das Recht, etwas zu sagen. Nicht nur, was die Musik betrifft. Denn Musiktheater, das sagt schon das Wort, ist eine Interaktion von Musik und der Repräsentationsform des Theaters“, so Olga Neuwirth, die in den letzten Wochen die Wiener Staatsoper auf Trab gehalten hat.

Die 1968 in Graz geborene Komponistin hat als Auftrag „Orlando“ komponiert, nach dem Roman von Virginia Woolf, in dem der Titelheld, zuerst Mann, dann Frau, als Freigeist durch die Jahrhunderte wandert.

„Ich habe überlegt, welches Werk meine Geschichte geprägt hat. Das war das Buch ,Orlando‘ von Virginia Woolf‘, das ich als 15-Jährige gelesen habe und das in meinem Hirn hängen geblieben ist. Es spielt zwischen Fiktion und Realität. Orlando ist ein Wesen, das die Gesellschaft in allen historischen Perioden hinterfragt, ein Mensch, der sich den Stereotypen entzieht, der sich in keine Normen pressen lässt und dadurch erst recht in Frage gestellt wird“, sagt Neuwirth. Sie hat die bis 1928 spielende Vorlage ins Jetzt weitergeführt, denn „es ändert sich nicht wirklich was. Das ist auch ein Teil der Geschichte von ,Orlando‘. Deswegen sind Gegenwart und Vergangenheit eins. Es geht immer um dasselbe: Liebe, Schmerz, Verlust, Gewalt, Chauvinismus und Tod.“

Nachdem die Staatsoper ein großes Haus und sie die erste Frau ist, von der ein Stück hier uraufgeführt wird, versprach sie ein „großes Statement“. Auf jeden Fall scheint es ihr gelungen zu sein, die Institution in allem, bis hin zum von der hauseigenen Orgel bei einer Probe verursachten Stromausfall, gehörig herauszufordern: „Ein Mitarbeiter des Hauses kam auf dem Gang auf mich zu und sagte: ,Sie wissen, dass es zum ersten Mal passiert, dass alle Abteilungen des Hauses miteinander kommunizieren müssen. Das ist eine Art von Psychoanalyse!‘“

Ihre Grundidee ist eine Grand opéra als Fusion aus Musik, Text, Bühne und Video. Sie spricht von einer „Opera-Performance“, die das Genre Oper aus der Reserve lockt.

Neuwirth wünschte sich auch kein konventionelles Bühnenbild, sondern einen Raum, in dem ihre Musik atmen kann. Rei Kawakub­o, Gründerin des Modelabels „Comme des Garçons“, hat die Kostüme kreiert, eine ungewohnt große Crew sorgt dafür, dass Live-Electronics, Sound Design, Video, Orchester und Bühne ineinandergreifen. Die wenig bekannte Polly Graham hat kurzfristig, Mitte Oktober, „in einer einvernehmlichen Entscheidung“ die Regie von Karoline Gruber übernommen.

Der Orlando ist die Mezzosopranistin Kate Lindsey. Sie berichtet von einer „Riesensache, das Größte, was ich bisher gemacht habe! Olga verwendet viele Farben und Aspekte der Stimme, auch gesprochenen Dialog.“

Uraufführungsdirigent Matthias Pintscher, selbst ein bekannter Komponist, spricht von einer „absolut exemplarischen Partitur“, die in ihrer Komplexität alle fordert. Er sieht das Werk „in einer großen österreichischen Tradition“, auch in einer Nähe zu Schubert, „wo dieser Schatten­klang unter der wunderschön ziselierten Oberfläche immer präsent ist“.


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