Herausforderung Mittelmaß: Viele Versuche nach PISA

Die 15- bis 16-Jährigen liegen beim internationalen Schulvergleich nur im Durchschnitt. Die Parteien wünschen sich Antworten.

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Wien –Die Szene wiederhol­t sich in schöner Regelmäßigkeit: Den Ergebnissen eines PISA-Tests, die für Österreich bestenfalls mittelmäßige Werte ergeben, folgt eine politische Debatte entlang bekannter ideologischer Fronten. An den Schulen folgt die eine oder andere Reform. Drei Jahre später kommt der nächste PISA-Test. Das Ergebnis? Bestenfalls Mittelmaß.

Etwas war heuer aber anders. Es fehlt die klare Linie zwischen Regierung und Opposition. Übergangs-Bildungsministerin Iris Rauskala eignet sich nicht als Angriffsfläche für Versäumnisse der Vergangenheit und Forderungen an die Politik.

Tatsächlich ist die künftige Entwicklung des Bildungssystems wohl Thema bei den türkis-grünen Koalitionsgesprächen. Bisher halten die Verhandler aber dicht.

Die grüne Abgeordnete Sibylle Hamann hat zumindest wissen lassen, wo ihre Partei die Probleme sieht: Besonders bitter sei, dass Österreich zu jenen Ländern gehöre, in denen Bildung am stärksten vererbt wird. „Daher ist auch hier der Hebel anzusetzen, wenn wir eine echte Trendwende anstreben“, meint sie. Konkret wünscht sie sich eine „Sprachoffensive“.

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Die SPÖ bringt drei Forderungen für die Verbesserung des Schulsystems: Ausbau der Kindergärten und der Ganztagsschulen, mehr Pädagoginnen und Pädagogen für Problemschulen sowie Verbesserungen bei der Lehrerausbildung. Damit Lehrer mehr Zeit zum Unterrichten haben, sollte es mehr Unterstützungspersonal an den Schulen geben. Wichtig sei vor allem, die Chancengerechtigkeit zu verbessern.

Die SPÖ wird einer kommenden Bundesregierung aller Voraussicht nach nicht angehören. Parteichefin Pamela Rendi-Wagner fordert denn auch, Entscheidungen über die künftige Entwicklung von Kindergärten und Schulen in einem „parteiübergreifenden Bildungskonvent“ zu treffen. Dessen Ergebnisse sollten für längere Zeit verbindlich sein und nicht mehr angetastet werden. Rendi-Wagner hat aus vielen Jahren rot-schwarzen Streits über Schule und Bildung Konsequenzen gezogen: „Es braucht eine radikale Wende. Schluss mit den Kompromissen. Kompromisse funktionieren in der Bildungspolitik nicht.“

Für FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl zeigen die PISA-Resultate „keine Veränderung, aber große Probleme in der Integration“: „Österreich dümpelt nach dieser Studie eigentlich nur hinterher, gutreden kann man das freilich nicht.“

Bestätigt sehen sich die NEOS: Das derzeitige Bildungssystem sei wie ein „schwerfälliger Dampfer“, der keine Verbesserungen zulasse, meint Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre. Entwicklungen im Bildungsbereich würden von Parteipolitik blockiert. Ähnlich wie die SPÖ fordern auch die Pinken Reformen entlang langfristiger Ziele, die über einen längeren Zeitraum verbindlich sein sollten.

Die Industriellenvereinigung (IV) sieht die PISA-Ergebnisse als „Weckruf für grundlegende Reformen“ und will in der „Grundbildung“ ansetzen. Die Arbeiterkamme­r (AK) wiederum fordert eine Schulfinanzierung anhand eines Chancenindex. Schulen müssten mehr Mittel bekommen, wenn sie viele Schüler haben, die mehr Förderung brauchen. (sabl, APA)

Nachholbedarf beim Lesen

Österreichs 15- bis 16-jährige Schüler plagen sich beim Lesen. Bei der jüngst veröffentlichten PISA-­Studie hat jeder Siebente angegeben, dabei schon immer Schwierigkeiten gehabt zu haben. Tatsächlich hapert es laut Studien in Österreich in allen Altersklassen an der Lese­fähigkeit. Man müsse bei den Jüngsten gegensteuern, fordert Michael Bruneforth vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie).

Die Volksschule sei zwar ein­e der Stärken des öster­reichischen Bildungssystems, „aber beim Lesenlernen gibt es Nachholbedarf". So schneiden Viertklässler bei der PIRLS-Studie („Progress in International Reading Literac­y Study") im Vergleich zu den Nachbarländern unterdurchschnittlich ab. Bei den Bildungsstandards zeigen sich bei einem Drittel der Zehnjährigen Lücken. Unter jenen, die danach an eine Neue Mittelschule (NMS) wechseln, ist es gar die Hälfte.

Ein Problem: Die Lehrerinnen und Lehrer an den Volksschulen müssten in der Lage sein, die Leseschwäche von Schülern überhaupt zu entdecken. Viele hätten allerdings nur eine dreijährige Ausbildung und dementsprechend wenig über das richtig­e Lesenlernen erfahren.

Dazu kommen laut Bruneforth Probleme an der Schnittstelle nach der Volksschule: Das Lesenlernen sei bei den Zehnjährigen noch nicht abgeschlossen. In Neuen Mittelschulen und Gymnasien fühlten sich die Pädagogen für die weitere Förderung nicht mehr unbedingt verantwortlich.

Für jene 38 Prozent der Schüler, die Deutsch nach der Volksschule nur in Teilen oder gar nicht beherrschen, sei das ein großes Problem. „Zumindest in der fünften und sechsten Schulstufe müssten die Lehrer sich mehr anschaue­n, ob die Schüler noch bei ?learnin­g to read' sind oder bei ?reading to learn'."

Die Folge des holprigen Übergangs: In der Sekundarstufe mit 14 bzw. 15 Jahren aufwärts wächst die Zahl der Schüler mit Leseproblemen noch weiter an. In der vierten Klasse NMS und AHS-Unterstufe scheitern 45 Prozent an den Bildungsstandards für Lesen. Bei der PISA-Studie fällt dann ein Viertel der 15- bis 16-Jährigen in jene Grupp­e, die selbst einfachste Leseaufgaben nicht lösen können. Auch bei Erwachsenen schneidet Österreich im internationalen Vergleich leicht unterdurchschnittlich ab.

Wie man bereits bei den Jüngsten gegensteuern kann? Mit Vermittlung einer guten Lesetechnik, betont Bruneforth. „Freude am Lesen allein ist zu wenig." Wer nicht flüssig lesen könne, habe nämlich auch nicht lange Freude am Lesen.


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