Petrunyas Kreuzweg zwischen Gott und Teufel

Der Film „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ liefert ein satirisches Sittenbild.

Petrunya provoziert, weil sie eine Frau ist: „Ich wünschte, ich hätte deinen Mut“, sagt einer der Männer zu ihr.
© Polyfilm

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –„Diese Frau ist der Teufel in Person!“ Die 31-jährige Petrunya hat sich wahrlich keine Freunde gemacht. Als sie bei einer orthodoxen Prozession ein heiliges, glücksbringendes Kreuz aus dem Fluss fischt, ist plötzlich die Hölle los in der nordmazedonischen Kleinstadt Štip. Denn eigentlich dürfen bei dieser Tradition nur Männer mitmachen. So wollen es die Regeln. Doch die junge Frau lässt sich nichts vormachen: „Welche Regeln? Ich kannte die Regeln nicht, sie sind kein Gesetz.“

Petrunya ist 31 und wohnt wieder zu Hause bei ihrer dominanten Mutter und ihrem passiven Vater. Sie hat Geschichte studiert, doch niemand beschäftigt eine Historikerin. Beim Vorstellungsgespräch in der Textilfabrik ist sie dem Chef nicht hübsch genug. Warum sie sich nach 22 Filmminuten zu ihrem rebellischen Akt entschließt, weiß sie selbst nicht genau. Die Leute in der Kleinstadt werden durch diese Selbst­ermächtigung auf unterschiedlichste Art provoziert.

„Du bist echt total cool, du hast total viele Likes“, meint die Freundin. „Du bist eine Schande. Was werden die Nachbarn sagen?“, schimpft die Mutter. Die düpierten jungen Männer wollen die teuflische Diebin steinigen. Der Polizeichef droht: „Wenn sich meine Tochter so benehmen würde, würde ich ihr alle Knochen brechen.“ Der orthodoxe Pfarrer ist seiner Autorität beraubt und will die alte Ordnung zurück.

Und dann ist da noch die selbstbewusste Fernsehjournalistin aus der Hauptstadt, die sofort eine Story wittert. Sie drängt Petrunya zu einem Statement und hat sofort ihren politischen Überbau dazu parat: „Mazedonien im Jahr 2018. Fast wie im Mittelalter. Es herrschen patriarchale Ordnung und männliche Dominanz.“

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Regisseurin Teona Strugar Mitevska ist mit „Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija“ ein Überraschungserfolg gelungen. Der Film wurde im Berlinale-Wettbewerb von der Kritik gelobt und vom EU-Parlament mit dem diesjährigen LUX-Filmpreis ausgezeichnet.

Doch Festivalfilme sind oftmals keine kurzweilige Kinokost. Die filmische Kurzgeschichte mit ihrem unerhörten Ereignis steigert sich bald zu einem satirischen Sittenbild. Damit sind die witzig-stereotypen Figuren vom Popen bis zum Polizeichef gedeckt. Einige zerfransten, künstlich in die Länge gezogenen Sequenzen ohne Dramaturgie und vor allem eine schrecklich lieblose Handkamera tun der interessanten Story jedoch nicht gut.

Theaterschauspielerin Zorica Nusheva entwickelt dagegen in der Titelrolle eine intensive, trotzige Präsenz, die als Leerstelle für Projektionen wunderbar funktioniert.

Petrunya ist Gott oder der Teufel, und alle sehen in ihr, was sie wollen. Am Ende fragt sie den Popen: „Und was ist mit mir? Darf ich nicht glücklich sein?“ Das heilige Kreuz braucht sie dafür, so Gott will, nicht mehr.


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