Arnulf Rainer: Ein Platz im Pantheon der Kunst

Vom Skandalkünstler zum Staatskünster: „Übermaler“ Arnulf Rainer feiert am morgigen Sonntag seinen 90. Geburtstag.

Das Kreuz ist ein zentrales Thema in Arnulf Rainers Kunstkosmos. Um das Kreuz durch seine malerischen Umkreisungen vom Kreuz zu holen.
© APA

Von Edith Schlocker

Wien –Als „Übermaler“ hat sich der vor 90 Jahren in Baden bei Wien geborene Arnulf Rainer längst einen Platz in der Kunstgeschichte gesichert. Jahrzehnte, nachdem seine radikalen malerischen „Verhüllungen“ bzw. „Auslöschungen“ die Gemüter erhitzt haben. Der Autodidakt, der nur wenig­e Tage die Wiener Akademie der bildenden Künste besucht hat, an der er ab 1981 selbst viele Jahr­e lehren und auf diese Weis­e Generationen junger Maler wesentlich prägen sollt­e. Ein Tun, das er später allerdings „als reine Zeitverschwendung“ bedauern sollte.

Seinen morgigen 90. Geburtstag wird Rainer in Teneriffa feiern, wo der die Wärme Suchende seit Jahren überwintert. Um nach wie vor täglich zu malen. Wobei der sanft gewordene ehemalige Schwarzmaler nun seine Lieb­e zum Pastelligen entdeckt hat, um vage Landschaftliches, Pflanzliches und Himmlisches in einer poetisch lasierenden Handschrift auf mittelgroßen Formaten auszubreiten.

Im Pantheon der Moderne, in dem ihm vor vielen Jahren bereits Rudi Fuchs, der ehemalige Direktor des Amsterdamer Stedelijk-Museums, einen Platz vorreserviert hat, wird Arnulf Rainer mit seinem Spätwerk wohl nicht landen, als ehemals skandalisierter „Übermaler“ aber sehr wohl. Als Taucher in die letztlich unendlichen Gefilde des Unbewussten, die er virtuos mit den Mitteln der Schwärze zu „erhellen“ versucht hat. Ein letztlich paradoxes Tun, getrieben von der Intention, sich durch kontemplative Verdunklung dem exakt nicht definierbaren Geheimnis des Ewigen anzunähern.

Er befände sich beim Akt des Malens in einem traumhaften Zustand, hat Arnulf Rainer einmal gesagt, gedrängt von einem undefinierbaren Etwas, das ihn zum Malen dränge. Wobei sich die Formen dieses intuitiven Tuns mit den Jahren immer wieder grundlegend gewandelt haben. Nach Anfängen, die unübersehbar im Surrealen verortet sind, hat er sich unter dem Einfluss des Informel komplett vom Gegenständlichen befreit, um sich in einen Erschaffer magischer Resonanzkörper in der Form virtueller Räume zu verwandeln, in denen oft nur eine Ecke des von vielen Schichten schwarzer Farbe überdeckten Malgrunds frei bleibt.

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Ab den 1950er-Jahren werden dann Fotografien bzw. Reproduktionen alter Meister gern zur Basis von Arnulf Rainer­s ekstatischen Mal­attacken. Indem er Fotografien von sich selbst in oft skurril verzerrten Posen, aber auch weibliche Akte oder Totenbildnisse umkreisend, malträtierend oder liebkosend grotesk verfremdet, ins Absurde dekonstruiert oder mehr und weniger auslöscht. Angelegt als in großem Gestus zelebrierte Kommentare des Abbildhaften, mit dem letztlich unerreichbaren Ziel, den existenziellen Fragen des Menschseins auf den Leib zu rücken.

Ein zentrales Thema in Arnulf Rainers malerischem Kosmos ist das Kreuz, obwohl er sich selbst nicht als religiösen Menschen bezeichnet. Der Faszination, die von diesem archaischen Symbol ausgeht, konnte und wollte er sich allerdings nicht entziehen, um das Kreuz allerdings durch sein­e poetische malerische Umkreisung vom Kreuz zu holen, es sozusagen zu erlösen. Was Rainer u. a. die Würde eines Ehrendoktors der Theologie eingebracht hat.

Die ehemals heftig geführten Kontroversen um Rainers Kunst sind längst verebbt, sein­e Rolle als gefeierter „Staatskünstler“ ist unumstritten. 1978 wurde er mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet und in den Österreichischen Kunstsenat entsandt. 2005 wurde ihm die große Ehre zuteil, als erster nichtspanischer Maler mit dem Goya-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet zu werden. 2015 erhielt der „Großmeister der Publikumsbeschimpfung“, so Albertina-­Direktor Klaus Albrecht Schröder über Rainer in seiner Laudatio, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse.

Bilder des Vielmalers, desse­n Quadratzentimeterpreise legendär sind, hängen in den wichtigsten Museen und Sammlungen der Welt, seine Geburtsstadt Baden bei Wien hat ihm ein eigenes Museum eingerichtet. In der Wiener Albertina läuft noch bis 19. Jänner eine groß angelegte „Hommage“ an den „Übermaler“.

Seine erste Einzelpräsentation richtete Arnulf Rainer in den frühen 1950er-Jahren der Talente-Finder Otto Mauer in der Wiener Galerie Nächst St. Stephan aus. 1977 war er bei der Kasseler documenta dabei, ein Jahr später bespielte Rainer den Österreich-Pavillon bei der Biennale von Venedig.

Im renommierten „Kunstkompass“, dem jährlich aktualisierten Ranking der wichtigsten zeitgenössischen Künstler weltweit, nimmt Rainer Platz 60 ein, getoppt aus österreichischer Sicht nur von Erwin Wurm auf Platz 50.


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