Nikolaus-Brauchtum in Mutters: Die „Bumsa“ donnert wieder

Die „Bumsaschiaßer“ haben in Mutters zu Nikolaus wieder Hochsaison. Zwei Tage lang wird aus allen Rohren geschossen und die „Bumsa“ vor diebischen Nachbarn bewacht.

Durch den Schalltrichter, "Bumsa", soll der Knall der Vorderlader-Gewehre weit über die Dorfgrenze getragen werden.
© ZEITUNGSFOTO.AT

Mutters – Der heilige Nikolaus ist ihr Dorfpatron und ihm zu Ehren scheuen die Mutterer auch dieses Jahr keine Mühen: Die „Bumsa“ wird feierlich geschossen. Der Schalltrichter, aus rund drei Meter langen Fassdauben zusammengefügt, wird seit über 200 Jahren am 5. und 6. Dezember im Dorf aufgestellt. Damit soll der Knall eines Vorderladers akustisch verstärkt werden und weit über die Dorfgrenzen hinaus hörbar sein.

Der Ablauf – das Schießen – beginnt um fünf Uhr morgens und begleitet mehrmals am Tag den Klang der Kirchturmglocken.

Die Junggesellen aus Mutters müssen die "Bumsa" auch vor diebischen Nachbarn bewachen.
© ZEITUNGSFOTO.AT

Die Mutterer Junggesellen vom BBV (Bumsabewachungsverein) signalisieren damit, dass ihre „Bumsa“ noch nicht von den Nachbarn aus Natters gestohlen wurde. Ähnlich wie beim Maibaum-Brauch ist es nämlich auch hier Tradition, dass das Brauchtumsstück entwendet wird. Zumindest versuchen das die Natterer.

Die Gewehre der Mutterer Junggesellen werden mit Schwarzpulver und Zeitungspapier gestopft und entweder durch die „Bumsa“ oder einfach so abgefeuert. Es gibt auch eine zweite Kanone, die um einiges kleiner ist als die „Bumsa“. (TT.com/mosc)

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Aus dem TT-Archiv: Diebstahl der “Bumsa“ 2010

Tiroler Tageszeitung Nr. 341 vom 12.12.2010

"Schleicht's euch wieder runter über den Bichl"

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Mutters, Natters - Am 5. Dezember, kurz nach Mitternacht, schoben und zogen elf junge Männer aus Natters die über drei Meter lange Kanone, einen aus Fassdauben gezimmerten Schalltrichter, aus einer Gemeindegarage beim Mutterer Waldfriedhof. Mit vereinten Kräften und viel Schweiß schafften sie es schließlich, den Koloss auf den Anhänger ihres mitgebrachten Traktors zu hieven. Zurück blieben nur ihre Spuren im Schnee. Und Stunden später elf fassungslose Männer vom Verein der Nikolausschießer aus Mutters, denen rasch klar wurde, dass es ihren Nachbarn nach über 80 Jahren erstmals wieder gelungen war, die "Bumsa" zu stehlen.

Für gewöhnlich hätten die Mutterer nun die Riesenkanone mit einigen Kisten Bier, Speck oder Fleisch auslösen sollen, und das traditionelle "Bumsa-Schiaßn" hätte wie an jedem anderen Nikolaustag seit etwa 200 Jahren stattfinden können. Stattdessen war von gebrochenen Regeln die Rede - denn die Kanone dürfe nur zwischen 5. Dezember, 12 Uhr, und 6. Dezember, 12 Uhr, gestohlen werden. Außerdem von Sachbeschädigung, Einbruch in abgesperrtes Gemeindeeigentum und Diebstahl, von der Polizei, Anzeigen für die Elf aus Natters und sogar von gemeinsamen Projekten der Nachbargemeinden, die es nun nicht mehr geben werde.

Noch Tage danach herrscht zwischen den Bürgermeistern Hansjörg Peer aus Mutters und Stefan Moisi aus Natters Funkstille. Wo immer aber in den beiden Dörfern Menschen aufeinandertreffen, gehen die Emotionen hoch. "Eine Sauerei! Ich hab' mich brutal aufgeregt", sagt etwa Pepi Siller, Mesner in Mutters. Er sorgt jedes Jahr dafür, dass mit dem ersten Glockenschlag auch der erste "Bumsa"-Schuss fällt.

Otto Kofler, dessen Bruder und Sohn früher selbst zu den Nikolausschießern gehörten, ist der Meinung, dass die Natterer die Regeln verletzt haben: "Vielleicht sind die bei den Jungen nicht bekannt, aber ihre Väter kennen sie sicher noch!" Auf der Straße gesellt sich Josef Jaufenthaler dazu, er war vor etwa 30 Jahren selbst "Bumsa"-Obmann: "In Mutters denken alle, dass die Natterer zu weit gegangen sind." Dass "wegen so einer Sache" die Gemeinden übereinanderkommen, das könne es aber auch nicht sein.

Marianne Aigner von der Mutterer Bäckerei hofft, dass sich die Gemüter bald beruhigen werden: "I tät' sagen, im Frühjahr ist alles wieder vorbei." Eine Kundin meint: "Oder schon zu Weihnachten." Während die Frauen glauben, dass im Mittelgebirge schon bald die Vernunft siegen wird, ist Benjamin Peer von den Nikolausschießern skeptisch: "Es schaut nicht gut aus", meint er zu der verfahrenen Situation. Von ihm aus könnten sogar Schranken zwischen den beiden Orten aufgestellt werden. "Sie lachen nur über uns."

Krippelebauer Klaus Schreier schlägt einen runden Tisch vor. Er selbst sei einmal unter jenen gewesen, die nicht ganz regelkonform die Nikolausschießer bestohlen hätten. "Das hat mich lange beschäftigt." Aber eigentlich sei das doch eine bärige Sache, "wenn man es schafft, etwas zu stehlen, und sie es dann auslösen müssen".

Nur etwa einen Kilometer weiter entfernt wird im Gasthaus Scherer in Natters über das gleiche Thema lautstark diskutiert. Der Spruch, dass die Mutterer in den Keller lachen gehen, macht die Runde. "Ich finde den Konflikt zwischen den Bürgermeistern amüsant", sagt der Postbote Ernst Schmid. "Und unserer erwägt, demnächst mit den Schützen in Mutters einzumarschieren", scherzt er. Die Wirtin Julia Scherer hält sich zurück. Sie will kein Öl ins Feuer gießen. "Ich hoffe einfach, dass sich alles wieder einrenkt." Im Gasthaus sind auch zwei jener angezeigten Elf, die die "Bumsa" gestohlen haben. Sie sind zurückhaltend, lassen sich nur mit über den Kopf gezogenen Kapuzen fotografieren. Doch als sie zu reden beginnen, verwehren sie sich, einen Einbruchsdiebstahl begangen zu haben: "Das Tor war gar nicht zugesperrt!" Beide wundern sich über die "überzogenen" Reaktionen: "Als wir die ,Bumsa' zurückgebracht haben, hat uns eine Mutter mit einem Kind an der Hand beschimpft. ,Schleicht's euch runter über den Bichl', hat sie geschrien." Die Mutterer hätten sich lächerlich gemacht, Brauchtum dürfe nicht mit Politik vermischt werden. "Die Sache hätte unter uns bleiben sollen, dann wäre alles gut ausgegangen." Ein Sprecher ihrer Gruppe meint: "Wir stehen dafür gerade, die ,Bumsa' gestohlen zu haben, doch wir wollten uns nicht bereichern. Und wenn uns der österreichische Staat dafür bestrafen will, dann soll er das tun." Was die Regel mit dem Zeitpunkt betrifft, an dem die Kanone gestohlen werden dürfe, so könne er auf drei Internetseiten verweisen, auf denen das Gegenteil stehe. Nämlich dass die "Bumsa" schon an den Tagen vor dem Schießen bewacht werden müsse.

Bürgermeister Moisi aus Natters findet es falsch, dass eine ganze Gruppe kriminalisiert wird. "Immerhin geht es um einen Brauchtumsschalk!" Er sei jedenfalls jederzeit für ein Gespräch bereit. In Mutters wiederum sieht Hansjörg Peer den kompletten Gemeinderat hinter sich: "Die Regeln sind in Stein gemeißelt." Es habe noch nie den Fall gegeben, dass die "Bumsa" zum Starttermin nicht zur Verfügung stand. "Vielleicht holen sich die schlauen Natterer die ,Bumsa' im nächsten Jahr ja schon im Sommer. Das ist dann so, als würde der Maibaum vor dem Aufstellen entwendet und zerschnitten werden."


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