Frau Holles Himmelreich liegt in Japan: Pulverschnee-Genuss auf Hokkaido

Freerider aus aller Welt pilgern nach Hokkaido, Japans nördlichste Insel. Dort gibt es einen einzigartigen fluffigen Pulverschnee. Er verwandelt die mystische Vulkanlandschaft in ein Wintermärchen.

Eingetaucht in weichem Pulver schweben Freerider aus aller Welt die sanften Flanken des Annupuri hinunter zu den lichten Birkenwäldern.
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Von Angela Böhm/srt

Kristallklar klingt die kleine Glocke durch das Schneegestöber. Auf genau 1000 Metern Höhe hat sie Herr Kosukegawa vor 46 Jahren neben einer Birke anbringen lassen. Er war einer der Skipioniere Japans, machte mit 88 Jahren seine Skilehrerprüfung und wurde über 100 Jahre alt. Wer bimmelt, schickt ein kurzes Gebet gen Himmel. Das kann beruhigen. Denn auf dem Weg nach ganz oben ins Paradies der Powderfans in Niseko, dem größten Skigebiet auf Hokkaido, gilt es, erst ein Abenteuer zu bestehen.

„König“ heißt der uralte Einer-Sessellift, der zum höchsten Punkt am Annupuri, dem 1308 Meter hohen Hausberg, schaukelt. Der Lift besteht nur aus einer Sitzfläche so groß wie eine Pizzaschachtel. Fußstützen und Sicherheitsbügel fehlen. Danach sind zu Fuß noch 100 Höhenmeter zu überwinden bis zum sagenhaften Hotspot am Tor 3, dem „Hirafu Peak“. Wer es durchschreitet, darf sich wie im Himmelreich von Frau Holle fühlen. Als hätte sie gerade hier alle ihre Betten ausgeschüttelt und wie in Grimms Märchen die Daunenfedern in Schnee verwandelt.

Eingetaucht in weichem Pulver schweben Freerider aus aller Welt die sanften Flanken des Annupuri hinunter zu den lichten Birkenwäldern. Zwischen silbrigen Bäumen liegen die magischen „Strawberry Fields“, in denen sich der Schnee sammelt wie in einer großen Wanne. Auch für Normalos sind sie bequem zu erreichen. Sogar auf den präparierten Pisten, die Namen wie „Stairway to Heaven“ tragen, staubt es. Der Schnee bietet kaum Widerstand. Powder-Gefühl gibt es für jeden Skifahrer.

König“ heißt der uralte Einer-Sessellift, der zum höchsten Punkt am Annupuri, dem 1308 Meter hohen Hausberg, schaukelt.
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Luft aus Sibirien bringt Schnee

Während in Europa die weiße Pracht immer rarer wird, bringen Luftmassen aus Sibirien, die über der Japanischen See Feuchtigkeit aufnehmen, feinste, leichte und trockene Schneekristalle im Überfluss nach Hokkaido. Dieses Wetterphänomen sorgt für den schier nie endenden Schneefall, den legendären Japan-Powder, der in der Szene nur „Japow” heißt. Bis zu 18 Meter fallen pro Saison in Niseko, das nur 35 Kilometer vom Meer entfernt liegt.

Doch einfach abseits der Pisten eintauchen in noch völlig unverspurtes Gelände, das geht im Land der aufgehenden Sonne nicht. Alles ist streng reglementiert. Über Lautsprecher an den Liftstützen werden den Skifahrern die zehn Gebote wie ein Mantra eingebläut: „Respektiere die Freiheit der Berge!“ Geschützte Gebiete dürfen nicht betreten werden. Nur durch elf Tore darf ins Gelände gefahren werden, wenn die Pistenwacht sie öffnet. Wer das missachtet, ist seinen Skipass sofort los. Überall sind Seile gespannt. Außerhalb dieser Grenzen muss eine Rettung selbst bezahlt werden.

In Niseko kann man auch bei Flutlicht Ski fahren.
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Versteckt zwischen Birken liegt Boyo-so, eine traditionelle Hütte. Dort dampfen große Schüsseln mit Ramen, der japanischen Nudelsuppe. Zur Etikette des fernöstlichen Lebensstils gehört: Schuhe ausziehen. Neben der Tür steht ein Regal mit Schlappen. Auch die dicken Schneewolken machen mal Pause. Durch die Fenster öffnet sich ein grandioser Blick auf den gegenüberliegenden Mount Yotei.

Er sieht aus wie Japans berühmtester Vulkan, der Fuji. Nur ein bisschen kleiner.

Bei der Abfahrt in Niseko kann man den Blick auf den Mount Yotai genießen.
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Zwischen Schneebergen, die sich im Tal am Straßenrand auftürmen, drängt sich das quirlige Niseko mit seinem internationalen Après-Ski-Leben. Wer nicht auch noch nachts die hell erleuchteten Tiefschneepisten auskosten muss, tankt Kraft in einem der vielen Onsen, den japanischen Thermalbädern, um sich dann ins nächtliche Vergnügen zu stürzen. Dort ist alles fest in australischer Hand: von den Sportläden, die das komplette Ski-Outfit verleihen, bis zu den hippen Bars.

Braunbären im Märchenwald

Beschaulicher geht es im 214 Kilometer entfernten Furano zu. Es liegt in entgegengesetzter Richtung nordöstlich von Sapporo landeinwärts im Zentrum der Insel. Das macht den kleinen, feinen Unterschied: Die Schneekristalle, die hier durch die Luft tanzen, sind zwar weniger, dafür aber noch trockener und leichter. „Bei uns ist der Schnee noch besser“, sagt Ayaka Senda. Als Skilehrerin war sie 13 Jahre unterwegs in Kanada und Neuseeland. Dann kehrte die 42-Jährige wieder zurück in die Heimat. Nun zeigt sie Tiefschneefahrern den Weg durch den Märchenwald mit seinen engstehenden Bäumen. Und sorgt nebenbei für Nervenkitzel: „Hier gibt es Braunbären“, flüstert Ayaka. Die sind in Japan nicht ungewöhnlich. Rund 10.000, so die Schätzungen, sollen auf Hokkaido leben.

Die Skihütte Boyo-so liegt versteckt zwischen Birken im Skigebiet.
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Das kleine Skigebiet gilt noch als Geheimtipp. An manchen Ecken von Furano scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Eine wackelige Schiebetür führt in ein winziges Holzhaus. In der Mitte steht ein uralter Holzkohleofen. Um ihn bilden grobe Bretter eine Theke. Baumstämme dienen als Sitze. Das ist eine Izakaya Robata. Auf Japanisch bedeutet das ganz einfach eine Kneipe mit einer offenen Feuerstelle, in der die Holzkohlen glühen. Auf der hantiert seit 41 Jahren Eigi Tamura (71).

Seine Eltern hatten vor mehr als einem halben Jahrhundert das Mini-Gasthaus mitten in der Stadt eröffnet. Dann stieg er ins Geschäft mit ein. „Jetzt steht mir mein Sohn zur Seite“, sagt er.

Eigi Jamura (71) serviert in seiner Izakaya Robata gegrillten Fisch und Eier vom Dorschmännchen.
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Fisch statt Kürbis

Auf den Holzkohlen dampft ein Kessel mit heißem Sake. Auf die Teller kommen gegrillter Fisch und Eier vom Dorschmännchen. „Die geben Kraft“, grinst der Wirt.

Nur eines fehlt im Skiparadies: der bei europäischen Feinschmeckern so berühmte Hokkaido. Der nussige, orange Kürbis ist auf keiner Speisekarte zu finden. Die Antwort gibt es in Sapporo, der Millionenstadt auf Japans zweitgrößter Insel. Dort fanden 1972 die Olympischen Winterspiele statt. Im Bezirks-Ministerium für Landwirtschaft, Infrastruktur und Tourismus preist Takeshi Mizuguchi die Besonderheiten der Insel. Aber der Kürbis bringt den Vizedirektor für Tourismus aus der Fassung. Das japanische Lächeln, bei dem man nie weiß, was der andere denkt, verwandelt sich in ein Lachen. „Der ist wirklich eine große Werbung für unsere Insel.“ Im Gegensatz zum legendären Pulverschnee gebe es ihn jedoch auf Hokkaido nicht: „Unsere Kürbisse sind grün.“


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