Tausende Menschen protestierten im Irak

Nach einem bewaffneten Angriff auf ein zentrales Lager der Anti-Regierungs-Demonstranten in Bagdad mit - nach verschiedenen Angaben - zwischen 16 und 23 Toten sind im Irak tausende Menschen auf die Straße gegangen. In der irakischen Hauptstadt versammelten sie sich am Samstag in der Nähe des angegriffenen Protest-Camps.

„Regierungskräfte waren nur einen Kilometer entfernt - und sie haben nicht eingegriffen“, kritisierte ein junger Arzt, der über Nacht Verletzte versorgt hatte. Mehr als 127 Menschen sollen durch Schüsse oder Messerstiche verletzt worden sein. Ein Drohnenangriff auf das Haus des schiitischen Predigers Moqtada al-Sadr löste unterdessen Sorgen vor einer weiteren Eskalation der Krise im Irak aus.

Überwiegend junge Männer gingen in Bagdad auf die Straße und gedachten mit Flaggen der am Freitag getöteten Demonstranten. „Sie haben intensiv und gnadenlos auf die Demonstranten gefeuert“, berichtete ein Augenzeuge in der Nähe des Tahrir-Platzes über den Angriff vom Vortag. „Sie haben nicht zugelassen, dass wir die Verwundeten in Sicherheit bringen. Es war ein Massaker“, fügte er hinzu. Auch in den südirakischen Städten Nasiriya und Diwaniya fanden Kundgebungen statt.

Bewaffnete Männer auf Pick-ups hatten am Freitag nach Einbruch der Dunkelheit ein Gebäude in der Nähe der Al-Sinak-Brücke attackiert, in dem regierungskritische Demonstranten seit Wochen ausharren. Sicherheitskräfte griffen nicht ein. Panische Demonstranten liefen daraufhin auf die Straße und riefen über Online-Netzwerke dazu auf, sich ihnen auf dem Tahrir-Platz in der Hauptstadt anzuschließen.

Auch Sadr, der die regierungskritischen Proteste seit einiger Zeit unterstützt, hatte seine Anhänger in der Nacht auf Samstag angewiesen, auf die Straße zu gehen und „Demonstranten zu schützen“. Zahlreiche folgten seinem Ruf.

Wenige Stunden später war Sadrs Haus in der südirakischen Stadt Najaf Ziel eines Drohnen-Angriffs. Dabei sei lediglich eine Außenmauer getroffen worden, verlautete am Samstag aus Kreisen seiner Bewegung. Der Prediger selbst soll sich derzeit im Iran aufhalten.

„Das ist ein eindeutiger Angriff, der einen Krieg - möglicherweise einen Bürgerkrieg - entfachen könnte“, sagte Sadrs Sprecher Salah al-Obeidi der Nachrichtenagentur AFP. Dutzende Unterstützer Sadrs zogen am Samstag mit Flaggen und Bildern des Predigers zu dessen Haus und skandierten: „Wir sind alle deine Soldaten!“

Al-Sadrs Block war bei der Parlamentswahl im Mai 2018 als stärkste politische Kraft hervorgegangen. Dieser stellt die meisten Abgeordneten in der 329 Sitze zählenden Versammlung. Al-Sadr hat sich dafür ausgesprochen, eine Regierung aus Technokraten zu bilden. Das wäre ein Novum im Irak, wo Regierungen seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein durch die US-geführte Invasion im Jahr 2003 nach einem Proporzsystem zwischen den religiösen Gruppen aufgestellt werden.

Als erster ranghoher Politiker äußerte sich Präsident Barham Salih zu dem tödlichen Angriff auf die Demonstranten. Er rief die Behörden am Samstag auf, die „Täter zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen“.

Auch ausländische Diplomaten forderten Konsequenzen. Die Regierung in Bagdad müsse die Demonstranten schützen und „sofortige Maßnahmen“ gegen die unbekannten Angreifer ergreifen, erklärte der britische Botschafter Stephen Hickey. Die UNO bezeichnete den Überfall auf das Protest-Camp als „Gräueltat“. „Bandengewalt, die aus externen Loyalitäten entstehen, (...) setzen den Irak dem Risiko aus, auf eine gefährliche Bahn zu gelangen“, warnte die UNO-Sondergesandte im Irak, Jeanine Hennis-Plasschaert.

Seit Beginn der regierungskritischen Demonstrationen im Irak Anfang Oktober sind knapp 440 Menschen getötet und fast 20.000 weitere verletzt worden. Wegen der blutigen Niederschlagung der Proteste verhängten die USA am Freitag Sanktionen gegen die drei Anführer der von Teheran unterstützten Hashd-al-Shaabi-Milizen (Volksmobilisierungseinheiten/PMF).

Im Zuge der wochenlangen Proteste war der irakische Regierungschef Adel Abdel Mahdi vor rund einer Woche zurückgetreten. Seitdem laufen in Bagdad Gespräche über die Bildung einer neuen Regierung. Daran ist auch der iranische General Qassem Soleimani, der Kommandant der Elitetruppe für Auslandseinsätze der Revolutionsgarden, beteiligt. Die USA kritisierten Soleimanis Beteiligung an den Verhandlungen scharf.


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