„Porträt einer jungen Frau in Flammen“: Befreiende Blicke

Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ räumt die Klischees und Konventionen der Kino-Schaulust aus dem Atelier. Der Film ist Künstlerinnen-, Kostüm- und Liebesdrama in einem.

Adèle Haenel spielt in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ eine Frau, die sich den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit entzieht. Wenigstens für einige rauschhafte Tage.Foto: Filmladen

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Erzählt das Kino von der Kunst, erzählt das Kino immer auch von sich selbst. Zumeist geht es dann um den Maler und sein Modell. Eine ganze Theorieschule gründet darauf: auf dem männlichen Blick des Malers – und damit auch dem der zumeist von Männern geführten Kamera – auf sein weibliches Modell, das überhöht wird – und doch Objekt bleibt, eine Stellvertreterin, ein in Szene gesetztes Requisit, Dekoration.

Dieses zur Konvention des Kunstfilms geronnene Klischee räumt Céline Sciamma in ihrem – nun auch mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichneten – Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ schon in der ersten Szene aus dem Atelier. Hier malt eine Mädchengruppe – und das Modell, Marianne (Noémie Merlant), gibt die Anweisungen. Sie ist selbst Malerin. Und was für eine! „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist die Geschichte eines Bildes, das sie einst malte. Und die Geschichte eines Bildes, das sie malen sollte. Das Bild einer jungen Frau aus gutem, aber heruntergewirtschaftetem Hause, die verheiratet werden soll. Doch weil sich Héloïse (Adèle Haenel) nicht malen lassen will, schon gar nicht für einen unbekannten Mann, der dadurch von ihrer „Tauglichkeit“ überzeugt werden will, muss Marianne ihre Beobachtungen als Gesellschafterin getarnt heimlich machen.

Die verstohlen-neugierigen Blicke ihrer neuen Begleiterin nimmt Héloïse freilich wahr. Und versteht sie falsch. Oder eben nicht. Begehren bricht sich Bahn, eine damals – der Film spielt im vorrevolutionären Frankreich – unerhörte Liebe entwickelt sich.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ lässt sich mit gängigen Gattungszuordnungen nicht greifen, ist Künstler-, Kostüm- und Liebesfilm in einem. Ein Film, der die kinematografische Schaulust auf den Kopf stellt. Oder vom Kopf auf die Füße. „Schaut mich ganz genau an“, fordert die Mallehrerin am Filmbeginn von ihren Schülerinnen. Ein programmatischer Wink: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ will genau besehen werden. Keine Bewegung, kein Blick, kein Satz ist zufällig gesetzt in diesem Film. Langsam, nachgerade herausfordernd langsam, entwickelt sich die Geschichte, ganz zart – aber schonungslos konsequent. Es geht um ein von – bis auf einen ganz kurzen Moment – abwesenden Männern regiertes repressives System. Und um eine nur wenige Tage währende Möglichkeit, sich diesem System zu entziehen – um „Unsinn“ zu machen. „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist ein Film der Befreiung. Und ein Film über die Strukturen, die diese Befreiung – bis heute – verhindern. Und ein Film über geheime Strategien, die alle Verhinderungsversuche unterwandern. Kurzum: ein Film über geheime Genugtuung und über die rauschhafte Freude, die einen überkommen kann, wenn man, beim Betrachten eines Bildes etwa, auf ein Detail stößt, das alles, was man zu wissen glaubte, in Frage stellt. In einer Szene des Films lesen Marianne, Héloïse und die erfrischend unbedarfte Magd Sophie (Luàna Bajrami) die Urgeschichte jeden Künstlerdramas, die Sage von Orpheus und Eurydike. Sie diskutieren, warum Orpheus sich wider besseren Wissens nach Eurydike umschaut – und sie dadurch für immer verliert. Für Sophie ist die Sache klar: Orpheus ist ein Trottel. Héloïse wartet mit einer mindestens genauso wahrscheinlichen Erklärung auf: Er zieht die schöne Erinnerung der hässlichen Wirklichkeit vor. „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist ein Film, an den man sich erinnern wird. Ein Film, der in der Erinnerung wächst. Mit anderen Worten: ein Meisterwerk.

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