Johnson liegt vor britischer Wahl am Donnerstag vorne: Vorsprung schmilzt

Fünf Tage vor der britischen Unterhauswahl geht die Aufholjagd von Oppositionsführer Jeremy Corbyn auf Premierminister Boris Johnson weiter. Der Vorsprung von Johnsons Konservativen auf die Labour Party ist einer am Samstag veröffentlichten Umfrage zufolge von zehn auf acht Prozentpunkte geschmolzen.

Der Vorsprung der konservativen Tories des britischen Premierministers Boris Johnson vor der oppositionellen Labour-Partei ist leicht geschrumpft.
© APA/AFP/POOL/ADRIAN DENNIS

London – Der britische Premierminister Boris Johnson liegt vor der Parlamentswahl am Donnerstag in Umfragen nicht mehr ganz so deutlich vorne. Auf die Frage, ob ihn dies nervös mache, sagte der konservative Politiker am Wochenende: „Natürlich, wir kämpfen schließlich um jede Stimme. Ich denke, dass dies ein kritischer Moment für unser Land ist.“

In vier am Samstag veröffentlichten Umfragen führen die Konservativen acht bis 15 Prozentpunkte vor der größten Oppositionspartei Labour mit ihrem Spitzenkandidaten Jeremy Corbyn. Die Wahllokale öffnen am Donnerstag um 7 Uhr Ortszeit (8 Uhr MEZ) und schließen erst am späten Abend (23 MEZ).

Brexit radikale Veränderung für das Land

Die Konservativen seien weiter Favorit, aber nicht so weit vorne, dass ihr Sieg angesichts des Mehrheitswahlrechts garantiert sei, sagte der Wahlforscher John Curtice der BBC. Beim Brexit-Referendum 2016 und den vorgezogenen Neuwahlen 2017 lagen viele Umfragen weit daneben.

Johnson sagte dem Sender Sky, der britische EU-Austritt sei eine radikale Veränderung für das Land. „Der Brexit ist unabdingbar – es kann nicht vorangehen ohne den Brexit.“ Johnson hat zuletzt keine Mehrheit für einen geordneten EU-Austritt im Unterhaus zustande gebracht. Anders als zunächst versprochen, wurde der Brexit-Termin erneut verschoben – auf den 31. Jänner 2020. Johnson sagte, er werde den Brexit über die Bühne bringen, sollte er die Mehrheit der 650 Sitze im Parlament bekommen.

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Für den Fall eines Wahlsiegs hat Johnson zudem eine Verringerung der Zuwanderung versprochen. „Die Zahlen werden sinken, da ich in der Lage bin, das System in diese Richtung zu steuern“, sagte er Sky News. Johnson will ein Punktesystem zur Steuerung der Immigration einführen.

Letzter Schlagabtausch im TV

Wenige Tage vor der Parlamentswahl lieferten sich Premier Johnson und Oppositionsführer Corbyn am Freitagabend einen letzten Schlagabtausch vor laufenden Kameras. Im Zentrum des gut einstündigen TV-Duells standen erneut der Brexit und das britische Gesundheitssystem. Für neuen Streit sorgten Anschuldigungen, Corbyns Labour Party habe sich im Wahlkampf auf ein Dokument gestützt, das von russischen Hackern veröffentlicht wurde.

Johnson kritisierte Corbyn in der letzten TV-Debatte vor der Wahl wiederholt dafür, dass er beim Brexit nicht eindeutig Stellung beziehe. „Wie können Sie ein neues Abkommen mit Brüssel für den Brexit aushandeln, wenn Sie gar nicht daran glauben?“, fragte Johnson. Corbyn hat im Wahlkampf angekündigt, Johnsons Abkommen mit Brüssel neu zu verhandeln und den Wählern in einem Referendum vorzulegen.

Corbyn wiederum warf Johnson unrealistische Versprechungen vor, weil er mit der EU und den USA im kommenden Jahr ein neues Handelsabkommen aushandeln wolle. „Er wird aus der Beziehung mit der EU herausgehen und in eine Beziehung zu niemandem eintreten“, sagte der Labour-Chef. Für den Fall seines Wahlsiegs versprach Corbyn Verstaatlichungen und Investitionen in den öffentlichen Dienst, um nach einem Jahrzehnt der Sparsamkeit unter den Tories eine Wende herbeizuführen.

Geheimes Regierungsdokument zitiert

Corbyn bekräftigte zudem seinen Vorwurf, Johnson wolle das staatliche Gesundheitssystem NHS an US-Pharmafirmen „verkaufen“ – was Johnson scharf dementierte. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist ein wesentliches Wahlkampfthema.

Corbyn stützt sich bei seinen Anschuldigungen auf ein geheimes Regierungsdokument zu den Handelsgesprächen mit den USA. Allerdings geriet der Labour-Chef am Wochenende selbst in Bedrängnis, als Vorwürfe laut wurden, dass das Dossier womöglich auf Betreiben Russlands ins Internet gestellt worden sei. Die Veröffentlichung sei „Teil einer Kampagne, die mutmaßlich von Russland ausging“, meldete am Samstag die Online-Plattform Reddit, auf der die Dokumente zuerst aufgetaucht waren. Im Zuge der Ermittlungen seien 61 Nutzerkonten gesperrt worden.

Corbyn sprach von einer „Verschwörungstheorie“ und hielt an seinen Vorwürfen gegen Johnson fest. Als seine Partei das Papier veröffentlicht habe, habe „weder der Premierminister noch irgendwer sonst bestritten, dass es sich um authentische Dokumente handelt“, sagte der Labour-Chef dem TV-Sender Sky News.

Einer Umfrage von YouGov zufolge endete das TV-Duell mit einem Unentschieden. Corbyn sei jedoch als glaubwürdiger bezeichnet worden.

Johnson betonte am Sonntag in einem offenen Brief die historische Bedeutung der Wahl, welche die Zukunft des Landes „auf Jahrzehnte hinaus“ prägen werde. Für den Fall seines Wahlsiegs setzt der Premier vor allem auf die Umsetzung des Brexit bis Ende Jänner. Der Premierminister plant, dass das Regierungsprogramm am 19. Dezember von Königin Elizabeth II. vorgetragen wird. Das Brexit-Abkommen soll demnach noch vor Weihnachten dem Parlament vorgelegt werden. (APA/Reuters/AFP)


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