Ambivalenter „Orlando“ von Olga Neuwirth umjubelt

Am Ende stand mehrheitlich Applaus für alle Beteiligten, dem sich aber doch vereinzelte Buhs für das Komponistinnen/Librettistinnen-Team untermischten: Die Uraufführung von Olga Neuwirths „Orlando“ wurde am Sonntagabend der letztlich erwartete Erfolg. Starke Bilder und eine die Zeiten durchmessende Musik konnten bei der Adaption von Virginia Woolfs Romanklassiker über weite Strecken überzeugen.

Neuwirth hat ein polycharakteristisches Orchesterwerk aus Zwischentönen, Zitaten, elektronischen Verzerrungen und Raumklang entwickelt, das die Varianzen des Lebens ebenso durchdekliniert wie die Hauptfigur Orlando, in der Kate Lindsey in der androgynen Stimmwelt des Mezzosoprans brilliert. Eine zwingende Kraft entfaltet dieses Neuwirth‘sche Gesamtkunstwerk dabei jedoch vor allem so lange, wie es auf der 1928 erschienenen Woolf‘schen Vorlage basiert.

Die Fortdenkung des Sujets in die Gegenwart gerät da weit schwächer. Hier entstehen im von Neuwirth und der Autorin Catherine Filloux entwickelten Libretto immer wieder Längen, die einerseits sinnlimitierenden Kürzungen bei der Bühnenumsetzung und andererseits einem zu großen Anspruch an den eigenen Themenkreis geschuldet sind. Starke Szenen, in denen die virulenten Fragen der Identität in die heutige Zeit getragen werden, stehen allzu tagespolitische Kommentare von Trump bis Fridays for Future gegenüber. Die Künstlerinnen scheitern hier nicht an den eigenen Ambitionen, diese stehen ihnen jedoch immer wieder im Wege.

Weniger variantenreich als die Musik gestaltet sich die optische Umsetzung durch Regisseurin Polly Graham. Sie gibt der Parabel der die Jahrhunderte und Geschlechter durchmessenden Titelfigur die Anmutung eines Oratoriums, einer Klanginstallation. Dies sorgt zugleich für starke Bilder einer von realem Tand weitgehend befreiten Bühne, in der riesige LED-Paneele in frappanter Videoqualität aus dem Nichts Räume und Impressionen erschaffen.

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