“Orlando“ in Wiener Staatsoper: Die bunte Reise ins Olga-Ich

In „Orlando“ referiert Olga Neuwirth sich, die ganze Welt und viel zu viel. Die Wiener Staatsoper leistet dafür Großes.

Oper als Haute-Couture-Show: Kate Lindsey (Orlando) trägt „Comme des Garçons“.
© Staatsoper/Michael Pöhn

Von Stefan Musil

Wien –Wer hätte gedacht, dass Vogue-Legende Suzy Menkes samt Entourage einmal den Weg in die Wiener Staatsoper findet? „Orlando“ macht es möglich! Die neue Opera-Performance, für die Olga Neuwirth die Musik und gemeinsam mit Catherine­ Filloux auch das Libretto verantwortet. Die Fashion-Lady gelockt hat aber wohl Neuwirths Lieblingsdesignerin Rei Kawakubo, Japans Mode-Pionierin, „Comme des Garçons“-Gründerin, die in ihren selten eindeutigen Silhouetten auch mit den Geschlechterrollen spielt.

Apropos Vogue: Wer erinnert sich noch an Voguing? Tanzstil der Homosexuellen- und Transgender-Szene in den 1980er-Jahren, der bald die Pop-Kultur erreichte.

Die Gender-Thematik hat in Neuwirths „Orlando“ immer noch ihre Bühne. Basierend auf Virginia Woolfs Roman gelangt Orlando im elisabethanischen Zeitalter zu Reichtum, bevor er als Freigeist wundersam durch die Jahrhunderte taucht, im Spätbarock als Frau erwacht, daraufhin Besitz und Stellung verliert. Sie wandert weiter bis 1928, als Virginia Wolf die fiktive Biografie ihrer Liebe Vita Sackville-West beendet hat.

So weit Orlando, wie er auch bei Neuwirth bis kurz nach der Pause in einer fast bis zur Unkenntlichkeit gerafften Fassung das Hohelied auf die Unangepasstheit singt.

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Neuwirth bezeichnete ihren großen Opernauftrag als Zusammenfassung ihres bisherigen Schaffens, in dem sie mit allen denkbaren musikalischen Mitteln durchaus Faszinierendes schafft. Großes Orchester, Percussion, Elektronik, die alles fusioniert, Raumklang erzeugt. Musik, die zart webt, fließt, sich zu großen Clustern ballt, Witz zeigt. Im Zentrum steht die Paraphrase. Das Zurückgreifen auf historisches oder historisch inspiriertes Material, aus dem Neuwirth Neues kreiert. Das alles setzen die unzähligen Beteiligten, auch das an solches weniger gewöhnte Staatsopernorchester unter dem großartigen Dirigenten Matthias Pintscher, ausgezeichnet um.

Dafür steht auch die bewundernswerte Kate Lindsey als Orlando permanent auf der Bühne, singt die vertrackte Partitur grandios, genauso wie Countertenor Eric Jurenas, der ihr als Guardian Angel zur Seite steht. Man staunt, was all die anderen Mitspieler, was der Chor, die Chorakademie und die Kinder der Opernschule leisten. Hut ab!

Szenisch wirkt die Sache schon nicht mehr ganz so frisch und konzis. Ein paar LED-Paneele zaubern permanent neue Räume, sorgen für einen ermüdenden Bilder- und Videosturm. Dazu kommen die Kostüme, die, bis in die letzte Falte raffiniert geschneidert, einzig sich selbst genügen, doch theatralisch keinen Auftrag haben.

So wie auch Regisseurin Polly Graham an all den Vorgaben wohl nur scheitern konnte. Man erlebt eine statische Angelegenheit und kann sich entscheiden, ob man einem Oratorium oder einer vertonten Modeschau beiwohnt.

So weit, so gut. Bis kurz nach der Pause. Dann geht es mit Neuwirth durch. Die Sache wuchert viel zu lange bis hinauf ins Heute und lässt dabei so gut wie nichts aus: Holocaust, Hiroshima, Rassenunruhen, Hippie-Zeit, Vietnam und vieles mehr.

Am Ende gibt’s noch Klimawandel mit Kinderchor, bis ein Putto im Glühbirnenkostüm im Bühnenhimmel verschwindet. Ein großer, letzter Klangakkord setzt der längst ins Nebulose abgetauchten Performance das Ende. Dann hat uns Olga Neuwirth aber auch alles reingesagt, was sie beschäftigt. Das ist viel. Zu viel. Ja, das fasziniert auch und geht doch nur bedingt auf. Man bleibt gespalten. Fast wie ein Orlando.


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