Mitbewohner mit Axt attackiert: „Wollte ihm Lektion erteilen“

Ein Afghane wurde zum zweiten Mal in drei Jahren Opfer schwerster Gewalttat. Nach einer Attacke mit einem Hammer schlug nun ein Mitbewohner mit einer Axt zu. Das Urteil: Teilbedingte drei Jahre Haft für den Täter.

Mordversuch? Der 27-Jährige beteuerte, dass er seinem Mitbewohner nur eine Lektion erteilen wollte.
© Fellner

Von Reinhard Fellner

Innsbruck –Es gibt Menschen, die scheinen das Glück nicht gerade gepachtet zu haben. So war ein heute 29-jähriger Afghane 2016 im Unterland Opfer eines massiven Gewaltverbrechens geworden. Ein Bekannter hatte mit einem Hammer auf dessen Kopf eingeschlagen und dadurch schwerste Kopfverletzungen verursacht. Neun Jahre Haft zu 1000 Euro Teilschmerzensgeld lautete das Urteil des Schwurgerichts. Das Gewaltopfer war damals schwer lädiert auf Krücken in den Zeugenstand getreten.

Gestern gab es für den 29-Jährigen ein unfreiwilliges Wiedersehen mit dem Schwurgerichtssaal. Wiederum musste er in Begleitung der Verbrechensopferhilfeorganisation „Weißer Ring“ in den Zeugenstand treten. Laut Anklage von Staatsanwältin Erika Wander sollte er diesmal im April Opfer einer Gewaltattacke seines Mitbewohners geworden sein.

Was darauf im Prozess um angeklagten Mordversuch folgte, war teils verwirrend.

Was war passiert? Im April läutete gegen 21.25 Uhr bei einer Unterländer Polizeiin­spektion fast zeitgleich mehrmals das Telefon. Zwei verschiedene Personen berichteten jeweils von einer Attacke mit einer Axt, bei der sie jeweils Opfer gewesen seien. Der gestern wegen versuchten Mordes angeklagte, 27-jährige Afghane erschien wenig später gleich persönlich auf der In­spektion. Mit blutverschmiertem Gesicht behauptete er, vom 29-jährigen Landsmann und Mitbewohner mit dessen Axt angegangen worden zu sein. Eine Rissquetschwunde an der rechten Augenbraue zeugte von der Auseinandersetzung.

Je mehr jedoch die späteren Einvernahmen der einstigen Mitbewohner einer Kleinwohnung ins Detail gingen, kristallisierte sich aber ein Angriffsgeschehen durch den 27-Jährigen heraus. Die Motivation für die Gewalttat wird wohl für immer im Verborgenen bleiben. Denn alle vom Angeklagten vorgebrachten Motivlagen für eine solche Attacke mit einer Fleischeraxt gegen Rücken und Kopf schieden im Prozess bei lebensnaher Betrachtung aus.

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So soll das Opfer auf den 27-Jährigen Druck in Richtung Beihilfe zu Drogengeschäften gemacht haben. Dazu soll sich das Opfer in das Handy des Angeklagten eingeloggt und acht Bilder der Verlobten des 27-Jährigen auf Facebook veröffentlicht haben. Genau für jene bevorstehende Hochzeit in Pakistan hätte sich der 29-Jährige zudem geweigert, für den 27-Jährigen ein Darlehen in der Höhe von 10.000 Euro aufzunehmen. Zum Schluss habe den Afghanen am Landsmann und einstigen Freund auch geärgert, dass er ihn bei einem Streit in der Firma, der mit dem Werfen von Joghurts geendet hatte, nicht unterstützt hätte.

Der Angeklagte in Anspielung auf die (angeblich) öffentlich gemachten Bilder seiner Verlobten: „Ich wollte nur, dass er leidet – wie ich. Ich wollte ihm eine Abreibung verpassen, eine Lektion erteilen!“ Der Angriff am Innufer ist dann trotz Fleischeraxt für das Opfer glimpflich verlaufen. „Keine große Wunde, keine Fraktur, keine Gehirnerschütterung. So etwas wird sonst am Bezirksgericht verhandelt und sollte nicht vor Geschworene!“, so Verteidiger Adolph Platzgummer. So sei die Tatwaffe zwar zufällig die Axt des Opfers aus der Wohnung gewesen, aber es komme „eben wie bei einem Baseballschläger darauf an, mit welcher Wucht so ein Gegenstand geführt“ werde. Laut RA Platzgummer fehlt es aber vor allem an einem: an einem nachvollziehbaren Mordmotiv. Auch der 29-Jährige versteht die Welt nicht mehr: „Er war für mich wie ein kleiner Bruder, immer so nett und liebenswert. Ich weiß nicht, was mit ihm ist.“ Ans Innufer soll ihn der 27-Jährige übrigens mit dem Versprechen gelockt haben, dass dort eine Frau auf ihn warte, welche an ihm interessiert sei.

Heimtücke und plangemäßes Vorgehen für Staatsanwältin Wander. Axt gegen Kopf: für Gerichtsmediziner Walter ­Rabl eine Tatbegehung, mit der an sich Lebensgefahr verbunden ist. Kaum Verletzungen, kein Motiv: „Ich appelliere an den gesunden Menschenverstand“, so Verteidiger Platzgummer.

Abends das nicht rechtskräftige Urteil der Geschworenen: kein Mordversuch, aber drei Jahre Haft – zwei davon bedingt – für absichtlich schwere Körperverletzung.


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