Kraftprobe um Tunnel: Tschirganttunnel kostet 275 Mio. Euro

Hinter den Kulissen geht’s zwischen ÖVP und Grünen zur Sache. Der Fernpasstunnel liegt seit einem Jahr auf Eis. Die Tiroler VP drängt auf den Tschirganttunnel im Koalitionspakt.

Vor allem an den Wochenenden ist der Fernpass eine ständige Stauzone.
© Thomas Böhm

Von Peter Nindler

Innsbruck – Hinter den Kulissen brodelt es schon seit Tagen: Für die Tiroler Volkspartei benötigt es zwar laut Straßenbaureferent LHStv. Josef Geisler (ÖVP) ein Maßnahmenbündel, um die Fernpassstrecke bzw. das Gurgltal vom Verkehr zu entlasten, aber auch den Fernpass- und Tschirganttunnel. Doch beide Vorhaben sind umstritten, beim geplanten Fernpassscheiteltunnel (1,4 Kilometer) geht seit mehr als einem Jahr nichts weiter. Beim Tschirgant hat die Autobahngesellschaft Asfinag heuer mit der Zählung der Verkehrsströme begonnen.

Die Grünen stehen den beiden Tunnellösungen skeptisch gegenüber. Für den Fernpass­tunnel liegt seit Monaten ein fertiger Regierungsantrag in der Schublade, doch eine Einigung konnte bisher nicht erzielt werden. Zugleich wehrt sich die Wirtschaft gegen die Mautpflicht auf der 52 Kilometer langen Fernpassstrecke in Verbindung mit dem Tunnel. Deshalb führt das Land jetzt selbst Zählungen über den betroffenen regionalen Güterverkehr durch. Indes beschwichtigt Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser und spricht von einer Annäherung in der Mautfrage. Das Land möchte eine eigene Mautgesellschaft errichten, eine Querfinanzierung für den mehr als 110 Mio. Euro teuren Tunnel ist das Ziel.

Für den Tschirganttunnel werden neue Daten erhoben, eine Kosten-Nutzen-Analyse fiel seinerzeit verheerend aus. Von 21 Straßenbauprojekten der Asfinag in Österreich erhielt der Tschirgant die schlechteste Bewertung. Vor allem fehlt die Hochrangigkeit mit einer Belastung von durchschnittlich 24.000 Kraftfahrzeugen pro Tag. Davon dürfte man nach wie vor weit entfernt sein. Die aktuellen Kosten für den 4,3 Kilometer langen Tunnel werden mit 275 Mio. Euro beziffert. Die Tiroler ÖVP würde den Tunnel gerne in das Programm der künftigen Regierung hineinverhandeln, die Grünen bremsen. Für sie sind alle Infrastrukturprojekte einem Klimacheck zu unterziehen. „Wir verhandeln einen Bahntunnel, der Tschirganttunnel ist keine geeignete Maßnahme für die Verkehrsentlastung“, betont NR Hermann Weratschnig.

Tschirganttunnel kostet 275 Mio. Euro

Es ist ein Glaubensstreit, der sich schon seit Jahren hinzieht. Doch jetzt spitzt er sich wieder zu: Können ein Fernpassscheitel- und ein Tschirganttunnel das Verkehrsproblem am Fernpass und im Gurgltal bzw. am Mieminger Plateau lösen oder wird dadurch nur noch mehr Verkehr angezogen? Überlagert wird die Debatte von der geplanten Mautpflicht auf der Fernpassstrecke, dagegen läuft wiederum die Außerferner Wirtschaft Sturm.

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Durchschnittlich 14.100 Fahrzeuge pro Stunde wurden im Vorjahr am Fernpass gezählt, an Spitzentagen waren es sogar mehr als 27.000. Durch Tarrenz fahren im Schnitt 13.500 Pkw und Lkw. „Die zwei Tunnel lösen das Verkehrsproblem nicht, sondern wären Teil eines Maßnahmenbündels“, betont Straßenbaureferent LHStv. Josef Geisler (ÖVP). Die Mautfrage wird derzeit geklärt. Dass seit einem Jahr nicht wirklich etwas weitergehe, will Geisler so nicht sagen. „Uns ist eine gute Aufbereitung des Tunnelprojekts wichtig.“ Zugleich verweist Geisler darauf, dass langfristig auch der Bahntunnel Teil der umfassenden Fernpassstrategie sei, um die Verkehrsströme einzudämmen. „Das erwarten wir uns auch von der Maut.“

Trotzdem: Hinter den Kulissen kracht es, weil ein Beschluss über den Bau schon längst gefasst hätte werden können. Doch die Grünen treten auf die Bremse, sie forcieren einen Bahntunnel samt verkehrslenkenden Maßnahmen. Die ÖVP drängt weiter auf eine rasche Umsetzung. Dass die Wirtschaft im Bezirk Reutte die Maut ablehnt, spielt hingegen den Grünen in die Karten. Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser sieht die Fronten allerdings aufbrechen. „Wir sind in guten Gesprächen, eine für alle zufriedenstellende Lösung ist in Sicht.“

Beim Tschirganttunnel prallen ÖVP und Grüne ebenfalls aufeinander – in Tirol und in Wien. Die ÖVP hätte ihn gerne im Regierungsprogramm verankert, die Grünen wollen ihn hinausverhandeln. Umstritten ist er seit eh und je, denn bei der seinerzeitigen Nutzwertanalyse wies der Tschirganttunnel das schlechteste Ergebnis aller Straßenbauprojekte der Autobahngesellschaft Asfinag auf. Weil sich seit den abgebrochenen Planungen im Jahr 2011 das Verkehrsaufkommen und die Rahmenbedingungen grundlegend geändert hätten, wurden die Planungen aber wieder aufgenommen. Projektleiter Günther Fritz von der Asfinag verweist auf die Untersuchung der Verkehrsströme, die im September aufgenommen wurden. Die Kosten haben sich jedoch auch hinaufgeschraubt: von seinerzeit 195 auf mittlerweile 275 Millionen Euro.

„Der Fernpass darf keine internationale Transitroute werden und der touristische Individualverkehr ist zu reduzieren“, sagt der grüne NR Hermann Weratschnig. Er lehnt den Tschirganttunnel ab, stattdessen will er über den Bahntunnel verhandeln. „Die Bahnstudie liegt am Tisch und Beschlüsse im Landtag wurden gefasst. Politik und ÖBB sind jetzt gefordert, die Bevölkerung zu entlasten. Der Tschirganttunnel ist dafür keine geeignete Maßnahme.“


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