Handke-Nobelpreis: Zeremonie verlief nach Protokoll und ohne Störung

1560 Gäste verfolgten am Dienstagabend im Stockholmer Konzerthaus eine unspektakuläre Verleihung. Nicht darunter befanden sich aus Protest die Botschafter des Kosovos, Albaniens, Kroatiens und der Türkei. Bei einer anschließenden Kundgebung nahmen wenige hundert Demonstranten teil.

Der 77-jährige Literat erhielt im Stockholmer Konzerthaus die beiden Insignien aus den Händen des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf.
© AFP

Stockholm — Ohne Proteste ist am Dienstag, dem Todestag Alfred Nobels, die Nobelpreis-Verleihung im Stockholmer Konzerthaus über die Bühne gegangen. Neben 12 Preisen an Wissenschafter der Disziplinen Physik, Chemie, Medizin und Wirtschaftswissenschaften übergab der schwedische König Carl XVI. Gustaf den Literaturnobelpreis für 2018 an die Polin Olga Tokarczuk und für 2019 an den Österreicher Peter Handke.

Die Doppelvergabe war notwendig geworden, nachdem die für den Literaturpreis zuständige Schwedische Akademie im Vorjahr durch Skandale und Austritte handlungsunfähig geworden war und die Preisvergabe ausgesetzt hatte. Durch die Zuerkennung des Preises an den österreichischen Dichter, der durch seine als proserbische Parteinahme gewertete Haltung zu den Jugoslawien-Kriegen schon in der Vergangenheit immer wieder umstritten war, ist die Akademie allerdings erneut in Kritik geraten. Einige Mitglieder des diplomatischen Corps waren aus Protest gegen Handke der Zeremonie ferngeblieben.

Die Feier vor 1560 geladenen Gästen ging routiniert und protokollarisch steif vonstatten. Der Präsident des Verwaltungsrates der Nobel-Stiftung, Carl-Henrik Heldin, sprach gleich zu Beginn seiner Rede vom Klimawandel und den überwältigenden wissenschaftlichen Beweisen, dass unsere derzeitige Lebensweise das Klima negativ beeinflusse. "Wenn junge Leute aufstehen und fordern, dass wir alle der Wissenschaft zuhören und handeln, verdienen sie unsere Unterstützung", sagte er.

Handke nahm Isnignien aus Händen des Königs entgegen

Nach einer kurzen Würdigung durch Anders Olsson, den Vorsitzenden des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie, nahm Peter Handke Medaille und Urkunde zu dem mit neun Millionen Schwedischen Kronen (rund 850.000 Euro) dotierten Preis aus den Händen des Königs entgegen und absolvierte seine drei protokollarisch vorgesehenen Verbeugungen Richtung König, Richtung Akademie und Richtung Publikum kurz und bündig.

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Olsson lobte die „bahnbrechende Meisterschaft der Sprache" eines Autors, der oftmals die Konformität unserer Zeit verweigere. „Er schildert nicht die Metropole, er schildert die Peripherie", so der Laudator: „Sein Blick ist seine Sprache, er bleibt empfänglich in allem." Seine Gesinnung sei antinational, müsse er doch mit dem kulturellen Erbe umgehen, dass seine Heimat Österreich einst von der Nazis besetzt wurde.

Vor dem großen Moment des 77-jährigen Literaten waren zuerst die Ehrungen für Physik, Chemie und Medizin vergeben worden, bevor zunächst seine polnische Kollegin Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 bedacht wurde.

Boykott von Botschaftern, Proteste vor Gebäude

Nicht unter den 1560 geladenen Gästen im Konzerthaus befanden sich die Botschafter des Kosovos, Albaniens, Kroatiens und der Türkei. Deren Regierungen hatten im Vorfeld gegen die Verleihung an Handke protestiert. Zuletzt hatte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Handke als „rassistische Person" bezeichnet und bei einer Veranstaltung mit Studenten in Ankara nachgelegt: „So einen Mörder auszuzeichnen heißt, mit der Gräueltat gemeinsame Sache zu machen." Auch in der Nähe des Konzerthauses gab es Proteste gegen die Würdigung Handkes. Bosnische Kriegsopferverbände demonstrierten vor dem Gebäude, eine Vertreterin der "Mütter von Srebrenica" sprach vor wenigen hundert Teilnehmern.

Bankett mit gefüllter Ente

Mit der Verleihung war der Nobelpreistag für Handke aber nicht gegessen — danach ging es zum abschließende Bankett im Rathaus der Hauptstadt. Den traditionellen Einzug über die Feststiege absolvierte Handke an der Seite seiner Tischnachbarin Matilda Ernkrans, Schwedens sozialdemokratischer Ministerin für Hochschulbildung und Forschung. Handke saß dann laut der offiziellen Sitzordnung neben Caroline Parmelin, der Gattin des Schweizer Ministers für Wirtschaft, Bildung und Forschung, Guy Parmelin, und Helena Norlen, der Gattin von Reichstagssprecher Andreas Norlen, sowie gegenüber von Bengt Samuelsson, dem Medizinnobelpreisträger von 1982.

Royal fiel das Abendessen für Handkes Kollegin Olga Tokarczuk aus, die zur Rechten des Königs und gegenüber der Königin saß.

Die Gäste bekamen Kalix-Kaviar auf Gurkenbett, mit Totentrompete und Zitronenthymian gefüllte Ente mit Knoblauchkartoffeln und karamellisierten gelben Rüben sowie Himbeer-Schokoladen-Mousse serviert. Kredenzt wurde neben Taittinger-Champagner und Montepulciano auch Eiswein des Langenloiser Weinguts Jurtschitsch.

Zu Kaffee und Likör fiel den Laureaten die abschließende Aufgabe zu, kurze englische Dankesworte an die Gäste zu richten. Peter Handke sprach, das sei zwar der erste "Toast" seines Lebens, aber schon seine zweite Anrede eines Königspaares - "aber das war im 12. Jahrhundert und ein Traum..." Seine Wünsche und Grüße gingen an die Wildgänse Nils Holgerssons - dass sie nämlich künftig jedes Land der Welt überfliegen mögen: "Selma Lagerlöfs wild geese forever. Strawberry Fields for ever. Wild Strawberries for ever." (APA/TT.com)


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