„Kein Stein, ein Mensch trägt deinen Namen“

Künstlerin Esther Strauß hält mit einem performativen Denkmal die Erinnerung an ein junges KZ-Opfer wach.

Mit Esther Strauß’ Projekt wird die Ausstellungstätigkeit des Innsbrucker Space Nouvelle enden; derzeit ist das Werk noch einsehbar
© Strauß

Innsbruck — Wie erinnert man an einen Menschen, der am Tag seiner Geburt ermordet wurde? Diese Frage markiert den Anfang einer intensiven Recherche von Künstlerin Esther Strauß. Entstanden ist daraus das Projekt „Marie Blum", an dem die Tirolerin bereits seit Anfang 2019 arbeitet. Seit Anfang der Woche wird es nun im Space Nouvelle von Initiatorin Anna Fliri (Bürgerstraße 13, Innsbruck) erstmals öffentlich präsentiert und ist dort bis auf Weiteres von außen auch einsehbar.

Strauß hat im kargen Inneren einen Schriftzug angebracht, der das Projekt in knappen Worten zusammenfasst. Er erzählt die Geschichte von Marie Blum, einem von unzähligen Kindern, die kurz nach ihrer Geburt im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht wurden — Romani-Schriftsteller Rajko Djuri´c erinnert im Gedicht „Geboren in Auschwitz, gestorben in Auschwitz" schon daran.

Für ihre Erinnerungsarbeit verfasst Strauß nun kein Gedicht, setzt auch kein skulpturales, sondern ein performatives Denkmal: Strauß nimmt den Namen des verstorbenen Kindes an und wird ihn für ein ganzes Jahr tragen. „Marie, nicht ein Stein, ein Mensch trägt deinen Namen", richtet Strauß im Ausstellungstext dem getöteten Neugeborenen aus. Den Antrag auf Namensänderung hat die 33-Jährige bereits gestellt. Aktuell wartet sie auf die Bewilligung.

Dann erst wird Marie Blum einen Reisepass, einen Führerschein, einen Arbeitsvertrag erhalten. Nach einem Jahr wird Marie Blum wieder Esther Strauß. Nur auf der Geburtsurkunde ihres ersten Kindes, das Strauß im Frühjahr bekommen wird, bleibt Marie Blum als Mutter verewigt.

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Das ambitionierte Projekt startet mit dem Okay der Behörden. In erweiterter Form soll die Arbeit dann 2020 noch an anderen Stellen zu sehen sein. (bunt)


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