“Gipsy Queen“: Eine Frau schlägt sich durch

Hüseyin Tabak erzählt im Boxerinnendrama „Gipsy Queen“ von einer alleinerziehenden Roma-Frau, die in Hamburg um ihre Existenz kämpft. Tobias Moretti gibt den nicht ganz uneigennützigen Kiez-Mentor.

Existenzkampf in und außerhalb des Rings: Alina S‚erban und Tobias Moretti in „Gipsy Queen“.
© Lunafilm

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Ich habe sie nicht für einen Ehemann großgezogen, sondern für viel mehr.“ Mit viel mehr meint der Vater der jungen Romn­i Ali eine Karriere als Profi-Boxerin. „Schwebe wie ein Schmetterling und stich wie eine Biene“, trichtert er ihr ein, wie einst bei Namensvetter Muhammad Ali. Doch Ali (Alina S‚erban) lernt nicht nur im Ring willensstark zu sein. Deshalb wechselt Hüseyi­n Tabaks von der Immigratio­n seiner eigenen Mutter inspirierter dritter Spielfilm nach diesem Prolog bald ins heutig­e Hamburg.

Ali hat den Kampf mit ihrem Vater für sich entschieden und doch verloren. Jahr­e später schlägt sie sich in Hamburg als alleinerziehende Mutter durch. Doch den Kämpfer-Willen hat sie noch immer. Die Roma-Frau ist in Deutschland am untersten Ende der rassistischen Nahrungskette. Als Zimmermädchen um ihren kargen Lohn betrogen, sucht sie am Kiez nach Arbeit. Tabak lässt hier erstmal das Sozial­drama die Oberhand gewinnen. Doch bald kommt auch der Boxfilm wieder zurück. Und zwar in Gestalt des abgehalfterten Tanne, der im Keller seiner Bar „Zur Ritze“ Schaukämpf­e veranstaltet. Tobias Moretti hat sichtlich Spaß am Kiez-Slang dieses halb-sympathischen Alkoholikers, übertreibt es aber vor dem Hintergrund dieses Dramas wie so oft etwas – ein Nominierung für den Österreichischen Filmpreis bracht ihm der Part trotzdem. Morettis Tanne entschied sich als Boxer einst für das Geld der Wettmafia und gegen Ruhm und Ehre. Als Ali in seiner Bar die Gläser aufräumt, spendiert er ihr einen Schnaps, obwohl er sie „nicht pimpern“ wolle. „Es kommt selten vor, dass ich einer eine­n ausgebe, ohne dass ich sie pimpern will.“

Bald bestreitet Ali als boxender Affe das Pausen­programm der Kämpfe. Beide erkennen die Chance und bei Tanne ist unsicher, ob er Ali nur aus Menschenfreundlichkeit oder eher aus Eigennutz trainiert.

Hüseyin Tabak wandelt mit „Gipsy Queen“ auf den Spuren von Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“. Doch sein Drama trägt auch sehr deutlich einen sozialen Kampf aus. In der Gegenwart ist Ali als „Gips­y Queen“ gleich mehrfach unten durch. Tabak verortet das Prekariat ausführlich, schickt Ali als Bauarbeiterin auf den Arbeitsstrich und gibt auch den Problemen mit ihren beiden kleinen Kindern Raum. Das lenkt von der Dramaturgie ihres individuellen Kampfes ab und wirkt zuweilen allzu engagiert.

Doch der Regisseur und Autor findet auch immer wieder zurück zur szenischen Kraft von Alis konkreter Comeback-Geschichte. Boxer haben im Kino immer auch die persönlichen Kämpfe außerhalb des Rings zu bestreiten, wie zuletzt im erfolgreichen Neuanfang der Rocky-Reihe „Creed“.

Die tatsächlichen Duelle und das Training sind dabei die Allegorien eines inneren Widerstreits. Das setzen Tabak und seine großartige Hauptdarstellerin Alina S‚erban gut ins Bild. S‚erban vermittelt mit sparsamen Dialogen eine stoische Kraft. Sie trainierte zwei Jahre dafür. Auch Kamera und Schnitt von Lukas Gnaiger und Christoph Loidl müssen speziell in den von Deutsch-Rap begleiteten Boxkämpfen vor keinem Hollywood-Film in Deckung zu gehen. Auch wenn dem Film eine ein wenig subtilere Botschaft gutgetan hätte, liefert die „Gipsy Queen“ dem österreichischen Kino einen ordentlichen Kampf.


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