Tschernobyl-Strahlung auch in Tirol noch 300 Jahre messbar

Kärnten hat nun eine digitale Landkarte, die die Strahlenbelastung von Pilzen zeigt. Obwohl Tschernobyl in Tirol noch messbar ist, droht bei Lebensmitteln keine Gefahr.

An der AKW-Ruine in Tschernobyl musste die Radioaktivität nach dem Computer-Ausfall manuell gemessen werden.
© AFP

Von Brigitte Warenski

Innsbruck/Wien — Die Nachwirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 sind in Österreich immer noch messbar. Kärnten hat diese Woche daher die erste Cäsium-137-Pilzlandkarte online gestellt, die einen Überblick über die Strahlenbelastung von heimischen Pilzarten gibt.

Die bei Tschernobyl freigesetzten radioaktiven Stoffe (Radionuklide) wurden in der Luft nach Österreich weitertransportiert. Weil es nachher in vielen Regionen auch geregnet hat, „wurden die radioaktiven Stoffe ausgewaschen und im Boden abgelagert. Je stärker der Regen war, desto stärker die Kontamination", erklärt Manfred Ditto, Leiter der Abteilung Strahlenschutz, Umwelt und Gesundheit im Gesundheitsministerium. Vom Rain-out betroffen war ebenso Tirol, besonders stark radioaktiv belastet wurde z. B. das Landecktal in Osttirol, wo 1986 ein Cäsium-137-Wert von 73 kBq

m2 gemessen wurde (der österreichische Mittelwert lag bei 21 kBq/m2). „Die aktuelle Cäsium-137-Belastung liegt etwa bei der Hälfte, weil dieses Radionuklid eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat", erklärt Ditto. Sorgen müssen sich laut Ditto weder die Tiroler noch die Kärntner machen. „Das heute noch messbare Cäsium-137 ist in tiefere Bereiche des Bodens abgewandert und daher nicht wirklich relevant. Der Boden schirmt das Radionuklid ab und bestrahlt somit nicht unsere Körper", so Ditto. Weitaus höher sei „die Strahlung, die durch natürliche Radioaktivität entsteht, wie die kosmische Strahlung oder die Radonstrahlung".

In Umhausen im Ötztal, wo es 20-mal mehr Fälle von Lungenkrebs gab, waren Gebäude mit teilweise extrem hohen Werten — Keller mit bis zu 60 kBq Radon pro Kubikmeter Luft — belastet.

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Auch bei Lebensmitteln gibt Ditto Entwarnung. „Waldboden hält Cäsium-137 länger für Pflanzen verfügbar als Ackerflächen. Bei Pilzen, Beeren und Wild „ist die Strahlenaktivität bei Weitem nicht um die Hälfte zurückgegangen". In Kärnten wurden heuer bei 196 Pilzproben in zehn Prozent Grenzwerte überschritten. „Man müsste von alldem extrem viel essen, bevor es ein Problem mit der Strahlendosis gibt", beruhigt Ditto.

Warnsystem und Messungen

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurde in Österreich ein Strahlenfrühwarnsystem eingerichtet. An über 300 Messstellen wird seitdem die Radioaktivität in der Umwelt gemessen. „Heute hat das System nicht mehr so eine Bedeutung. Wenn ein Kernkraftwerk heute eine Havarie hat, gibt es die Meldepflicht. Zusätzlich gibt es laborgestützte Messungen in der Luft, im Niederschlag und in Gewässern, mit denen sich sogar sehr niedrige Werte von Radioaktivität feststellen lassen", sagt Strahlenexperte Manfred Ditto. Dennoch gibt es auch geheim gehaltene Unfälle: Im Herbst 2017 wurde eine Ruthenium-106-Wolke über Österreich nachgewiesen, die wahrscheinlich aus dem Ural kam.


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