Die Jugend im Loop abtasten

In „Puff the Shit“ erzählt Künstler Till Megerle in einer Serie früher Fotos von der Teenagerzeit in einer wohlbekannten, zeitlosen Atmosphäre.

Die Kleinformate (hier ein Ausschnitt) wurden analog aufgenommen und in der Drogerie entwickelt.
© Megerle

Von Barbara Unterthurner

Schwaz –Es wird gekifft, es wird herumgehangen, sich unterhalten, gepost, gelacht und viel ferngesehen. So – ohn­e Röhrenfernseher – sieht die Jugend der Teenager heute aus. Derart – mit Röhrenapparat – gestaltete sich auch die Jugendzeit von Künstler Till Megerle, geboren 1979 in der Kleinstadt Bayreuth. Kurz bevor er sein Kunststudium in Leipzig begann, versammelte er Anfang 2003 nochmals seine Freunde um sich. Er wollte sie ablichten, Augenblicke festhalten, bevor sich der innige Kreis in alle Himmelsrichtungen verteilte und damit wohl auch entfremdet­e. Gemeinsam fühlte man sich zurück in jene intensive Zeit des Erwachsenwerdens. Eine Fotoserie entstand, die von Aufbruch, Vertrautheit, jugendlicher Unbeschwertheit träumt und sich zwischen Dokumentation und Inszenierung einordnet.

Heute zeigt der inzwischen in Wien lebende Künstler dies­e Fotos in der Galerie der Stadt Schwaz. Leiterin Annett­e Freudenberger verfolgte seine Arbeit bereits seit Längerem, u. a. seine zeichnerische (2017 wurde er beim Österreichischen Grafikwettbewerb im Innsbrucker Taxispalais ausgezeichnet). Heute arbeitet Megerle multimedial. Die Idee zur Soloshow „Puff the Shit“ kam überraschend.

Noch nie hatte der Künstler die jetzt in Schwaz ausgestellt­e Serie gezeigt. Es brauchte Zeit, um sich den Arbeiten anzunähern, erklärt der heute Vierzigjährige. Dabei hat wohl jeder Besucher, der sich die Aufnahmen heute ansieht, sofort einen Zugang: Derartige Typen, derartige Situationen sind in den meisten Fotoalben festgehalten.

Das Bühnenbild auf den teilweise unscharfen, schräg angeschnittenen, aber dennoch präzise konzipierten Aufnahmen ist ein ebenso wohlbekanntes: Zwischen elternhäuslicher Teppichbodenidylle und vergilbten Wohnwänden trifft man sich, hier flimmern Pornos nach „Wer wird Millionär?“. Bei der Durchsicht der im exakten Abstand von 2,5 Metern gehängten fotografischen Kleinformate lassen sich wieder auftauchende Motive herausfiltern. Der klassische Akt, das Gruppenporträt oder der Fernseher im leeren Raum – die Wiederholung formt die Erzählung. Wie einen Filmloop will der Künstler die Schau auch verstanden wissen: Durch den Raum gehend, von Weitem überblickend und im Detail nachforschend, wird die Jugend des Künstlers abgetaste­t.

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Popkulturelle Sehnsüchte, vorgefertigte Lebensentwürfe treffen auf bundesrepublikanische Wirklichkeit. Die Fotos vor diesem Hintergrund zeitlos: „Last Christmas“ flimmert, wenn auch seit letztem Wochenende in 4K, heute noch über die Bildschirme. Einzigartig ist diese spontan wirkende, flapsige Fotografie, die die großen Umbrüche hin zur digitalen Bilderflut noch nicht erahnt, in jedem Fall.


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