Gewalt gegen Helfer: Wenn Patienten die Fäuste sprechen lassen

In Berlin wird ein Arzt brutal erstochen, in einer tschechischen Klinik gibt es ein Blutbad. Und auch in Tirol sind Ärzte mit Gewalt konfrontiert.

In Notaufnahmen und im Rettungswesen tritt Gewalt auf. (Symbolfoto)
© thomas boehm

Von Beate Troger

Innsbruck –Ein Betrunkener hat vor fünf Jahren einer Notärztin in einem Innsbrucker Szenelokal einen Schlag auf den Hals versetzt, sodass sie einen Schlaganfall erlitten hat. In der Unfallambulanz der Innsbrucker Klinik kam es zwei Jahre später zu einer Messerstecherei.

Gewalt gegen Ärzte, Pfleger und medizinisches Personal ist auch in Tirol kein Fremdwort mehr. Michael Baubin, Bereichsoberarzt der Notfallmedizin an der Innsbrucker Klinik, berichtet, dass er von einem betrunkenen Patienten mit einem massiven Glaskrug beworfen worden sei. „Hätte mich das Glas am Kopf statt am Knie getroffen, wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben“, bilanziert er. Der Angriff sei so schnell erfolgt, dass keine Prävention möglich gewesen sei.

Tirol-Kliniken-Sprecher Johannes Schwamberger spricht von einer „Gratwanderung“: Einerseits seien die Spitäler offene Häuser, die jedem niederschwellige Hilfe bieten, andererseits müsse man aber die Sicherheit von Mitarbeitern und Patienten gewährleisten. Schleusen mit Taschenkontrollen, die die Österreichische Ärztekammer fordert, seien in Innsbruck kein Thema.

Doch seit Mai 2018 sind die vier speziell geschulten Sicherheitskräfte einer externen Securityfirma mit Bodycams ausgestattet, um im Notfall Auseinandersetzungen aufzuzeichnen. Rund 900-mal pro Jahr müssen die Securitykräfte gezielt ausrücken. Innsbruck war das erste Krankenhaus im deutschsprachigen Raum, das diese Überwachung eingesetzt hat. Mit Erfolg. Alleine die Tatsache, dass die Bodycams sichtbar seien, entspanne heikle Situationen, sagt Schwamberger.

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Laut Auskunft von Jürgen Schreiber, der das Sicherheitsmanagement der Tirol Kliniken leitet, sind die absoluten Zahlen an Gewaltausbrüchen nicht gestiegen, sehr wohl aber die Intensität: „Wo früher gebrüllt wurde, gibt es jetzt eine Watschn.“

Laut einer Spitalsärztebefragung der Ärztekammer waren 71 Prozent der Mediziner bereits mit verbaler Gewalt und 25 Prozent mit physischer Gewalt bei der Berufsausübung konfrontiert. Neun Prozent der befragten Ärzte in Wien wurden mit einer Waffe bedroht, in Tirol waren es sieben Prozent. Diese hohe Zahl, die zweithöchste im Bundesländervergleich, kann man bei den Tirol Kliniken aber nicht nachvollziehen.

Stephanie Federspiel, Assistentin der Geschäftsführung, leitet seit knapp drei Jahren das hauseigene Präventionsprojekt. Dabei werden Krankenhausmitarbeiter als Deeskalationstrainer ausgebildet, die wiederum ihre Kollegen schulen. 200 Mitarbeiter haben an dem Programm teilgenommen, das Feedback sei sehr gut. „Damit konnten wir den Ausbruch von Gewalt in vielen Fällen abwenden“, berichtet sie. Die Gründe, warum Patienten ausrasten, seien unklar. „Viele suchen die Klinik mit einer gewissen Anspruchshaltung auf und werden aggressiv, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, etwa bei längeren Wartezeiten“, reflektiert Federspiel.

Im Zuge einer Mitarbeiterbefragung habe man auch hausinterne Abläufe, die eventuell unbewusst Gewalt befeuern könnten, hinterfragt. In den so genannten Hotspots, das sind die Notaufnahmen, die Psychiatrie, aber auch die Kinderklinik, können Behandlungsräume nur mit Mitarbeiter-Chipkarten geöffnet werden. Außerdem wurden noch mehr Alarmknöpfe, mit denen im Notfall Hilfe angefordert werden kann, installiert. Und trotz aller Prävention wissen alle: Das Risiko, dass ein Verrückter durchdreht, kann man nie ausschalten.

„Ich achte immer auf Fluchtwege“

Volker Wenzel, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Notfallmedizin in Friedrichshafen war acht Jahre lang in Innsbruck als Notarzt und stellvertretender Klinikdirektor tätig.

Inwiefern hat die Gewaltbereitschaft von Patienten zugenommen? Volker Wenzel: Sowohl in Bayern als auch in Österreich gab es im Rettungswesen dramatische Zuwächse. Die Zahl der Angriffe hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht. Es sind überwiegend jüngere Männer, die psychiatrisch auffällig sind oder unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol stehen.

Was sind die Gründe dafür?Wenzel: Diese sind nicht direkt nachvollziehbar, ich weiß es nicht. Die Gesellschaft ist allgemein gewaltbereiter geworden.

Wie können sich die Ärzte schützen oder vorbeugen? Wenzel: Seit dem Angriff auf die Innsbrucker Notärztin bin ich sehr wachsam geworden und achte immer auf potenzielle Fluchtwege. Das Bewusstsein, dass etwas passieren kann, ist wichtig, aber es bleibt auch immer ein Restrisiko. Die Notarztweste der Zukunft ist wohl eine Stichschutzweste.


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