Der Detektiv als letzter Romantiker

Edward Norton musste 20 Jahre auf die Finanzierung seiner Kinoadaption von Jonathan Lethems „Motherless Brooklyn“ warten. Dabei ist ein feines Meisterstück des Film noir entstanden.

Edward Norton verirrt sich als Lionel Essrog in den Nervensträngen seines Gehirns und in einem Labyrinth der moralischen Verkommenheit.
© Warner

Innsbruck – Die Gratwanderungen durch die menschliche Psyche katapultierten Edward Norton Ende der 90er-Jahre in die erste Reihe der Hollywood-Stars. Wenn er in Filmen wie „Zwielicht“ (1996), „American History X“ (1998) oder „The Score“ (2001) Kostproben einer schizophrenen Störung oder spastischen Lähmung ablieferte, sahen Richard Gere, Robert De Nir­o und Marlon Brando neben ihm ziemlich blass aus. Da lässt sich die elektrisierend­e Wirkung der Lektüre von Jonathan Lethems Roman „Mother­less Brooklyn“ auf Norton erahnen.

Mit dem unter dem Tourette-­Syndrom leidenden Kleinkriminellen und Amateurdetektiv Lionel Essrog, der geheime Botschaften vom Popmusiker Prince empfängt, entdeckte Norton die Rolle seines Lebens. 2000 wurde „Motherless Brooklyn“ als eines der ehrgeizigsten Projekt­e angekündigt: Produktion, Drehbuch, Regie und Hauptrolle: Edward Norton. Die Hybris wollte allerdings niemand finanzieren.

Eine Figur, die gezwungen ist, mit Fistelstimme obszön­e Flüche auszustoßen, von bizarren Ticks beherrscht und von ihren Störungen in vollkommener Isolation ­gefangen gehalten wird, versprach kaum Rendite. Deshalb dauerte es 20 Jahre und bedurfte der unentgeltlichen Mitwirkung von Stars wie Alec Baldwin oder Willem Dafoe, um das Projekt auf die Beine zu stellen. Dabei ist der Roman fast zur Gänze auf der Strecke geblieben, doch Lethem hat neben dem popkulturellen Pfad noch einen anderen ausgelegt. Lionel ist ein Fan von Raymond Chandler und dessen Philip Marlowe, dem Prototyp des unbestechlichen Detektivs.

Damit übersiedelt auch die Geschichte von der Ära des Funk zu den Rhythmen des Cool Jazz, von den italienischen Mafiosi des zu Ende gehenden Jahrtausends zu amerikanischen Baulöwen und Spekulanten, die 1957 die lukrativen Möglichkeiten der Stadterneuerung entdeckten und einen Rattenschwanz von Mördern, Schlägern und opportunistischen Profiteuren hinter sich herzogen. Ganze Wohnblocks werden für unbewohnbar erklärt, die überwiegend farbigen Mieter delogiert. Nortons „Motherles­s Brooklyn“ ist eine allegorische Erzählung über das aktuelle Amerika.

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Lionel (Norton) wird zum Zeugen des Mordes an seinem Förderer Frank Minna (Bruce Willis), der ihn einst im katholischen Waisenhaus vor den frommen Schwestern gerettet hat, die seine dem Teufel geschuldeten Ticks noch mit Schlägen behandelt haben. Davor hatte Minna allerdings längst die Straße der Tugend verlassen, hatte versucht, aus dunklen Geheimnissen aus dem Reich des mächtigsten Mannes von New York unter Missachtung der neuen Regeln Kapital zu schlagen. Dieser Mann ist Moses Randolph, der Visionen für die Zukunft und neue Gesetze verkündet.

Alec Baldwin spielt diesen charismatischen Menschenverführer mit einer verstörenden Intensität, mit der er in einer einzigen langen Einstellung die Zerrissenheit, die Obsessionen und letztlich auch die Verwundbarkeit dieser Figur bloßlegt. Er ist die „Freakshow“ in dieser Version, obwohl der Spitzname eigentlich den stotternden Detektiv verfolgt. Wie Philip Marlowe ist Lionel ohnehin der letzte Romantiker in diesem Labyrinth der moralischen Verkommenheit. (p.a.)


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