Lone Scherfig: „Besucher nicht ohne Hoffnung gehen lassen“

In „The Kindness Of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden“ beschäftigt sich Regisseurin Lone Scherfig mit Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit in New York. Der Film startete soeben in den heimischen Kinos.

Bei der Berlinale im Februar sprach Regisseurin Lone Scherfig über ihren neuen Film „The Kindness Of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden“.
© imago stock&people

Berlin – Engel, gibt’s die? Nächstenliebe und Barmherzigkeit, gibt’s die? Ja, sagt die dänische Regisseurin und Drehbuchautorin Lone Scherfig. Es gibt sie sogar in einer Millionenstadt wie New York. Dort spielt ihr Film „The Kindness Of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden“, der heuer die Berlinale eröffnete. Sie nennt ihn „ein Märchen über Hoffnung, Vergebung und Liebe“. Der Streifen läuft jetzt auch in unseren Kinos.

Dies ist Ihr dritter Spielfilm. Eine Dänin just in New York. Wie kam es dazu?

Lone Scherfig: Es gab Szenen, die ich unbedingt im Kino sehen, Figuren, die ich unbedingt zum Leben erwecken und Momente des Mitgefühls und der Güte, die ich unbedingt auf die Leinwand bannen wollte. Da war New York eine große Inspiration. Die Schönheit dieser Riesenstadt einerseits und das ganze Drama, dass sich so viele Menschen von einem Gehalts-Scheck zum nächsten durchkämpfen müssen, andererseits.

Der Film behandelt ganz ernste Themen wie Einsamkeit, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit. Dafür wollte ich ein Publikum finden, das Lust hat, sich solchen Themen zu stellen, und weiß, dass das Leben für viele Menschen nicht so toll ist, wie es sein sollte. Trotz allem war mir ein Happy End wichtig, denn ich möchte die Besucher nicht ohne Hoffnung auf die Straße gehen lassen.

Warum spielt die Geschichte nicht in einem Ihnen vertrauteren Schauplatz wie etwa London oder Berlin?

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Scherfig: Im Grund könnte sie überall spielen. Doch New York ist ungemein international, extreme Schönheit und extremes menschliches Drama sind hier eng miteinander verbunden. Deshalb war das für mich der ideale Schauplatz. Besonders beeindruckt hat mich in New York die Art und Weise, wie Menschen dort einander die helfende Hand reichen und dabei die Arme weit ausstrecken. Davon können wir Europäer meines Erachtens viel lernen.

Wann haben Sie mit dem Drehbuchschreiben begonnen?

Scherfig: Kurz nach dem Amtsantritt von Barack Obama, als ich den Eindruck hatte, dass sich die USA plötzlich um solche Menschen kümmern. Doch im Lauf der Zeit wurde mir klar, dass dies nicht reichte, dass sie wieder aus dem Blickwinkel fielen.

„The Kindness Of Strangers“ ist ein Mix aus Komödie, Drama und Tragödie. Wie haben Sie das ausbalanciert?

Scherfig: Vor allem durch ein hervorragendes Darsteller-Ensemble. Bill Nigh­y etwa bringt viel Humor hinein. Er ist eine unglaublich loyale und inspirierende Persönlichkeit. Es macht irrsinnig Spaß, für ihn zu schreiben, weil man sich bereits vorstellen kann, wie er das Geschriebene umsetzen wird. Die Figur hingegen, die Zoe Kazan verkörpert, weist echt tragische Aspekte auf.

Ich habe viele Jahre in England gearbeitet, und dort, denke ich, bin ich noch furchtloser geworden, humorvolle, dramatische und emotional intensive Momente miteinander zu verschmelzen. Insofern ist England ja ein Phänomen. Je tiefer die Leute dort in einer Krise stecken, umso mehr Witze machen sie.

War es kein Problem, für diesen Film das Budget aufzustellen?

Scherfig: Ich habe das Gefühl, dass die Romanze „Zwei an einem Tag“, die ich mit Anne Hathaway drehte, der letzte Film war, den ich mit einem ausreichenden Budget fertig stellen konnte. Doch der basierte auch auf einem erfolgreichen Roman. Was die Finanzen betrifft, muss man sich halt immer wieder durchschlagen. Oscars, wichtige Preise können sicher helfen.

Bei „The Kindness Of Strangers“ hatte ich anfangs echt Angst, ich würd­e die Zuschauer langweilen. Daher war mir klar: Ich brauchte ein­e starke Figur, die das Publikum durch den Film führen muss. Das ist die junge Frau, die vor ihrem Mann flieht. Der Zuschauer muss sie ins Herz schließen. Zoe Kazan hat das wunderbar geschafft.

Wie ist Ihrer Meinung nach heute die Situatio­n für Frauen, die Regie führen?

Scherfig: Ich glaube, wir haben in den vergangenen 20 Jahren bewiesen, dass Geschichten von Frauen interessieren und kommerziell erfolgreich sein können, und das müsste allmählich zu einer gewissen Normalität führen. Generell geht es für Frauen jedoch nicht darum, bloß Filme zu drehen, sondern um qualitativ gute Filme.

Lars von Trier war Ihr Mentor?

Scherfig: Ja, er gab mir Equipment, Geld, Freiheit, Vertrauen, Ratschläge. Mir wurde eine Serie mit 14 Episoden anvertraut. Keiner hat mir dreingeredet. Die Atmosphäre war absolut frauenfreundlich, was sicher auch daran lag, dass im Produzententeam sehr starke Frauen waren. Ich hatte nie Grund, mich zu beklagen, ich wurde immer so gut bezahlt wie die Männer.

Über Angebote können Sie sich gewiss nach wie vor nicht beklagen.

Scherfig: Aber mir ist klar, dass man mir oft etwas anbietet, weil ich Ähnliches schon einmal gemacht habe. So möchte ich jedoch nicht arbeiten. Ich setze weiterhin auf Risiko.

Das Interview führte Ludwig Heinrich


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