“The Kindness of Strangers“: Herzenswärme gegen soziale Kälte

Das Wintermärchen „The Kindness of Strangers“ hat das Herz am rechten Fleck. Subtil ist der Film von Regisseurin Lone Scherfig dabei nicht.

Clara (Zoe Kazan) trifft in einer Selbsthilfe-Gruppe auf Marc (Tahar Rahim).
© Thimfilm

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –Weihnachtsfilm ist „The Kindness of Stranger­s“ keiner. Zumindest tauchen weder Santa Claus noch das Christkind darin auf. Eine Art Weihnachtsgeschichte steckt aber doch im New-York-Film der dänischen Autorin und Regisseurin Lone Scherfig, der die diesjährige Berlinale eröffnete.

Frühmorgens schleicht sich Clara (Zoe Kazan) mit ihren beiden Söhnen Anthon­y und Jude aus dem Haus. Die jung­e Mutter ist auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann Richard. Ihr sicherer Hafen ist ausgerechnet der Großstadtdschungel New York City. Doch Richard ist Polizist, die Behörden kommen als Hilfe also nicht in Frage. Die drei müssen sich auf der Straße durchschlagen. Hoffnung verspricht aber bereits der Filmtitel, denn das kalt­e New York beherbergt auch warmherzig­e Menschen. Sie spielen die Hauptrolle in Lon­e Scherfigs bittersüßer Erzählung.

In einer behutsam verschränkten Episodengeschichte wird Clara vom Drehbuchschicksal mit fünf anderen Figuren zusammengeführt: Alice (Andrea Riseborough), Jeff (Caleb Landry Jones), John Peter (Jay Baruchel), Marc (Tahar Rahim) und Timofey (Bill Nighy). Als herzensgute Außenseiter bringen sie mit ihren Spleens die fehlende Leichtigkeit in die ernste Filmwelt: Die einsame Krankenschwester und Amateur-Therapeutin Alice wird nicht nur Bezugsperson von Clara, sondern auch von Jeff, der unbeholfen von einer persönlichen Katastrophe in die nächste tappt. In der Selbsthilfegruppe „Forgive­ness“, die Clara leitet, stößt sie auf Anwalt John Peter. Dieser hofft dort auf Vergebung, schließlich hat er in seinem Job auch schuldige Täter erfolgreich verteidigt. Nicht allzu oft allerdings. Als Anschauungsbeispiel bringt er seinen ehemaligen Mandanten Marc mit. Dieser wiederum findet durch Zufall eine Arbeit als Küchenchef im russischen Restaurant von Timofey. Die Begegnungen dieser sympathischen, aber unglücklichen Menschen liefern die Erzählung für „The Kindness of Strangers“. Erst Herzenswärme hilft gegen die soziale Kälte der Hauptstadt des US-Kapitalismus.

Scherfigs New York ist visuel­l vom romantisch verklärten, europäischen Blick geprägt. Über die soziale Kält­e macht die Regisseurin sich aber keine Illusionen. An diesem zuweilen überdeutlichen Kontrast zwischen menschlicher „Kindness“ und sozialer Kälte arbeitet sie sich thematisch ab. Der Film sei auch als „Antwort auf die Zeichen der Zeit zu verstehen“, meint Scherfig.

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Trotz künstlich aufgebauschter Moral: Wie Scherfig ihr Figurenensemble zwischen Opfer- und Helfer-Rollen durch ein konkretes, desolates Gesellschaftspanorama navigiert, funktioniert als bitter­süße Geschichte einigermaßen glaubhaft. Am Ende bleibt „The Kindness of Strangers“ aber weniger Weihnachtsfilm denn harmloses, humanistisches Wintermärchen.


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