Die gute Geschichte: Vom schweren Alkoholiker zum Suchtberater

Für Mo hat nach fünf Jahren bei Emmaus nun ein neuer Abschnitt begonnen. Er ist nur ein Beispiel, wie der Verein Emmaus in Innsbruck seinen Klienten Starthilfe für die Schritte in ein neues Leben gibt.

Für Mo hat nach fünf Jahren bei Emmaus nun ein neuer Abschnitt begonnen.
© Paumgartten

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck –Mit einem Rucksack und einem Schlafsack „und sonst nicht viel“ stand er vor dem Leiter der Innsbrucker Teestube für Obdachlose, als dieser zu ihm meinte: „Emmaus. Das wäre etwas für dich.“ Fünf Jahre ist das her. Heute 61 Jahre alt, damals schwerer Trinker. Als er 2001 nach Spanien auswanderte und seine Partnerin kennen lernte, hörte er mit den Drogen auf, dafür stieg er auf den Alkohol um. In Spanien schlug sich der gelernte Maler und Anstreicher durchs Leben, aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname. Sein richtiger Name war den Leuten dort zu kompliziert. „Seitdem bin ich der Mo.“

2014 führte Mo das Schicksal zurück nach Österreich. Ein Kumpel, mit dem er in Spanien unterwegs war, musste nach Innsbruck für eine Operation und Mo begleitete ihn. Eine echte Zukunftsperspektive hatte er damals nicht – der Alkohol gab den Takt des Lebens vor. Viel Alkohol. „Ich brauchte zwei Flaschen Wodka am Tag, nur um zu funktionieren“, erinnert sich Mo heute. Er wusste aber auch, dass sein Leben so nicht lange weitergehen konnte. Deshalb brauchte es auch keine großen Überredungskünste vom Teestuben-Leiter, damit sich Mo beim Verein Emmaus vorstellte. „Ich bin Radikalist“, sagt er und meint das in einem durchwegs positiven Sinn: nämlich angefangene Sachen auch durchzuziehen. „Ich habe gewusst, dass es nicht von heute auf morgen gehen wird.“ Aber er war fest davon überzeugt, dass es funktioniert.

Nach sechs Wochen Reha in Mutters begann für Mo die Zeit bei Emmaus, dem Verein, bei dem suchtkranke Menschen miteinander in Wohngemeinschaften leben und zusammen arbeiten. „Die ersten zwei Jahre waren relativ hart“, erinnert sich Mo. Es war die Zeit, in der er am stärksten und immer wieder gegen seine Dämonen zu kämpfen hatte. So hätte er eines Tages beinahe alles hingeschmissen. Zu Fuß unterwegs in die Stadt, fest entschlossen, sich „jetzt einen anzusaufen“. Doch mit jedem Schritt begannen die Räder im Kopf immer lauter zu rattern. In der Museumstraße machte er schließlich auf dem Absatz kehrt und spazierte zurück nach Hause nach Mühlau. Das bisher Geschaffte sollte nicht einfach so weggeworfen werden.

„Nach zwei Jahren lebten die Gefühle wieder auf und ich habe begonnen, mich wieder zu spüren“, erzählt Mo. „Das soziale Gefüge bei Emmaus und der geschützte Raum ermöglichen es, die Dinge neu zu sortieren. Ich habe meine Schulden in Ordnung gebracht und eine Ausbildung zum Suchtberater gemacht“, sagt Mo nicht ohne Stolz. „Und ich habe in den fünf Jahren wieder Geduld und Ruhe gelernt.“ Geholfen hat ihm dabei das Konzept der Achtsamkeit, bei dem es darum geht, die Dinge und den Moment bewusst wahrzunehmen.

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Nach fünf Jahren bei Emmaus hat Mo Anfang Dezember Abschied genommen. Den gebürtigen Wiener zieht es zurück in den Osten. In Niederösterreich will er den nächsten Schritt seines neuen Lebensabschnittes machen. Dort möchte er als Suchtberater arbeiten. „Aber auch Sterbebegleitung würde mich interessieren. Denn viele Menschen sterben unglücklich und unzufrieden und das ist schade. Es geht doch gar nicht darum, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist oder welche Fehler gemacht wurden. Denn relevant ist die Gegenwart“, sagt Mo im Brustton der Überzeugung. Auch wenn es nicht von heute auf morgen gehen sollte: Er weiß, dass er seinen Weg machen wird. Schließlich ist Mo Radikalist.


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