Surfbretter bauen in den Alpen: Surfwelt fest in Tiroler Hand

In Innsbruck brachte sich Werner Gnigler bei, Windsurfbretter zu bauen. Inzwischen greift die Elite auf seine Boards zurück und lässt die Bretter der Erfinder aus Hawaii stehen.

Dass der Tiroler einer der besten Boardshaper ist, beweist der Gewinn der „Streif“ für Windsurfer: Beim „Aloha Classics“ holte der Franzose Antoine Martin auf dem von Gnigler entwickelten Brett den Titel
© CARTER

Von Susann Frank

Innsbruck – „Wenn mit deinem Brett die ,Aloha Classic‘ gewonnen wurde, dann bist du jemand in der Szene. Das zählt mehr als der Windsurf-Weltmeistertitel“ sagt Werner Gnigler und zieht den Vergleich: „Das ist wie im Skifahren die Streif zu gewinnen.“

Werner Gnigler prüft die Kante des Bretts und bringt den vorgefertigten Hartschaumkern in Form.
© Foto TT/Rudy De Moor

Der Innsbrucker weist mit Stolz darauf hin. In den vergangenen fünf Jahren haben Windsurfer mit den von ihm konzipierten Brettern vier Mal den Höhepunkt des Jahres auf der Hawaii-Insel Maui gewonnen. „Bis dahin haben die Top-Profis für eben diesen Bewerb meist auf ein hawaiianisches Teil zurückgegriffen. Am schwierigen Ho’okipa-Surfspot wollten sie ein Brett von denen, für die das Bauen seit jeher eine Kunst ist und die es von den Vorfahren gelernt haben“, erklärt der Innsbrucker.

Der 53-Jährige hat sich die Fähigkeit mit hohem Verbrauch von Schleifpapier, vielen Fingerschnitten und noch mehr Schweiß bis zur Perfektion selbst beigebracht. „Es gibt keine Ausbildung zum Boardshapen, dafür ist es zu speziell. Es gibt auch kein Buch darüber. Es zählt nur die Erfahrung.“

Aber wie kommt ausgerechnet ein Tiroler zu einem Beruf, für den Strand und Meer und nicht Schnee und Berge ausschlaggebend sind? Zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester infizierte er sich im Alter von zehn Jahren beim Sommerurlaub am Mondsee mit dem Virus Windsurfen, der ihn nie wieder losgelassen hat.

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In der damals noch kleinen Szene war der junge Tiroler schnell mit den Besten am Weg. Und als die Funboards die großen Verdrängerbretter wirklich verdrängten, das Material entscheidend wurde, fing Gnigler beim damaligen Marktführer F2 am Standort Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich an, Bretter zu entwickeln und zu testen.

„Früher“, erinnert sich Gnigler, „wurde alles per Hand gemacht.“ Und weil ihn diese Arbeit, besonders von speziellen Brettern, immer mehr faszinierte, gründete er mit weiteren Kollegen die Linie „JP Australia“ – mit dem Hauptaugenmerk, ein exklusives Produkt, beste Materialien und neueste Shapes zu kreieren.

Um wirklich in den Kreis der Spitze aufzusteigen, verlagerte er seinen Hauptwohnsitz von Innsbruck an den südafrikanischen Hotspot Kapstadt. „Ich entwickelte und die Sportler probierten die Bretter sofort. Und weil ich selber lange Wettkämpfe gefahren bin, konnte ich nachspüren und verstehen, was der Surfer verändert haben wollte.“

Dabei geht es in der heutigen Materialschlacht um Millimeter, wie um einen Hauch dünnere oder dickere Kanten. Auch die Surf-Reviere sind entscheidend. „In Hawaii ist die Welle schneller“, erklärt Gnigler. In Portugal ist diese im Winter höher. Dort in Nazaré bäumen sich die höchsten Wellen der Welt auf. Als der Namensgeber der „JP Australia“-Boards und Mitbegründer Jason Polakow beschloss, als erster Windsurfer die Monsterwelle zu meistern, hatte Gnigler alle Hände voll zu tun. „Das war eine besondere Herausforderung. Da herrscht Lebensgefahr. Nur ein Fehler und es ist vorbei.“

Doch das Kunststück gelang Polakow am 4. Jänner 2016 auf Gniglers Brett. „Mittlerweile entwickle ich alles am PC und die Bretter werden maschinell gefräst“, erzählt er.

Produziert wird mittlerweile im thailändischen Bangkok. Ausprobiert werden die Bretter im Meer – oder am Gardasee. „Den endgültigen Feinschliff muss ich immer händisch machen“, bekundet Gnigler, der zwischen Hawaii, Gardasee und den Kanaren hin und her jettet.

Die Feiertage verbringt er mit Frau Brigitte jedoch daheim in Birgitz. Zudem gibt er in der vom Vater vor zehn Jahren übernommenen Firma „Gnigler Metalldecken“ persönlich in Innsbruck den Ton an, während seiner Reisen kann er sich auf sein 20-köpfiges Team verlassen.

Wie er zeitlich alles bewältigt? „Ich habe wenig Freizeit, aber ich kann es mir ja einteilen“, sagt der ebenfalls passionierte Wintersportler. „Außerdem verbinde ich Hobby und Beruf. Für mich ist Windsurfen nach wie vor die geilste Sportart der Welt.“

Eine Welt des Wassersports, die der Boardshaper vom bergigen Tirol aus fest in seinen Händen hält: Seine Bretter haben neben den „Aloha Classics“ in allen Wettkampf-Disziplinen schon Weltmeister-Titel eingefahren.


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