Gegen Populismus: Zehntausende „Sardinen“ in Rom auf der Straße

Nach dem Erfolg der Großveranstaltung in der Hauptstadt stellt die Bewegung klare Forderungen. „Italien ist erwacht“, twitterte der EU-Wirtschaftskommissar und ehemalige italienische Premier Paolo Gentiloni nach der Demonstration .

Mattia Santori ist einer der Gründer der Anti-Populismus-Bewegung "Sardinen".
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Von Micaela Taroni, APA

Rom – Die Reifeprüfung ist bestanden: Genau einen Monat nach ihrem Entstehen haben die italienischen Sardinen ihr Ziel erreicht und Zehntausende Menschen zu einer Anti-Populismus-Veranstaltung in Rom mobilisiert. Jetzt beginnt eine neue Phase für die spontan entstandene Bewegung, die den Institutionen klare Forderungen stellen will und an einem politischen Programm feilt.

100.000 Menschen versammelten sich laut den Organisatoren am Samstagnachmittag auf der Piazza San Giovanni vor der Lateranbasilika, einem traditionellen Kundgebungsort der Gewerkschaften und italienischen Linken. Laut der Polizei waren es lediglich 35.000 Demonstranten. Fest steht, dass die Kundgebung bei strahlendem Wetter den Erwartungen der Organisatoren voll entsprochen hat. Aus ganz Italien angereiste Demonstranten, Familien, Intellektuelle und Politiker aus dem Linkslager versammelten sich auf der Piazza, die zum Schauplatz für eine auf Sozialnetzwerken entstandene Mobilisierung gegen Rassismus und Intoleranz geworden ist, wie man sie in Italien seit langem nicht mehr gesehen hat.

Reifeprüfung bestanden

Die Kundgebung in Rom galt als entscheidender Test für die „Sardinen“, die seit ihrem Entstehen als spontane Bewegung Mitte November bereits 113 Flash Mobs in verschiedenen italienischen Städten organisiert haben. Laut Santoni wird nach der Demonstration in der Hauptstadt jetzt die „Phase zwei“ beginnen. „In der ersten Phase wollten wir sehen, wie viele Menschen sich uns anschließen. In Phase zwei wollen wir überlegen, wie wir diese Energien, die wir hervorgerufen haben, verwenden können, um politische Ziele vorzuschlagen, die seriös, aber auch attraktiv sein können“, meinte Santori.

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Am Sonntag ist ein Treffen der Aktivisten verschiedener Städte in Rom geplant, um Struktur und Strategie zu bestimmen. Santori stellte dem „Sardinen-Volk“ seine ersten politischen Ziele vor. Priorität sei die Abschaffung der von Ex-Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini im Parlament durchgesetzten „Sicherheitspakete“, die schwere Strafen für Rettungsschiffe vorsehen, die ohne Genehmigung einen italienischen Hafen anlaufen. Santori fordert von der Regierung einen offeneren Einwanderungskurs.

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Forderung nach Aus für Social-Media-Propaganda

Schluss mit einer Politik, die Propaganda mit Marketing verbindet: Die Bewegung fordert, dass Regierungsvertreter nur über offizielle Kommunikationskanäle ihre Mitteilungen veröffentlichen und keine Propaganda in Sozialnetzwerken betreiben sollen. Politik müsse im Umgang mit Sozialmedien transparent sein und dürfe nicht mit Marketingmethoden betrieben werden. Sie solle ganz auf aggressive Slogans verzichten. „Verbale Gewalt soll mit physischer Gewalt gleichgestellt werden“, fordert Santori.

Der aus Bologna stammende Sporttrainer mit dem Lockenkopf, der mit vier Freunden die Bewegung als Protest gegen den Rechtspopulismus der Lega gegründet hat, will jetzt seine Kampagne für den Wahlsieg des Mitte-links-Kandidaten Stefano Bonaccini in der Region Emilia Romagna bei den Regionalwahlen am 26. Jänner fortsetzen. Die Lega, die mit ihrer Kandidatin Lucia Borgonzoni ins Rennen geht, hofft in der einstigen Hochburg der Linken auf einen Sieg. Dies könnte laut Insidern den Weg zu vorgezogenen Parlamentswahlen in Italien im Frühjahr ebnen. Mit ihrer Kampagne wollen die „Sardinen“ einen Durchbruch der Lega in der Emilia Romagna verhindern.

Prominente Unterstützung aus dem linken Lager

Die „Sardinen“ können mit prominenter Unterstützung aus dem Linkslager rechnen, unter anderem mit jener des ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi, der wie Santori aus Bologna stammt. „Italien ist erwacht“, twitterte der EU-Wirtschaftskommissar und ehemalige italienische Premier Paolo Gentiloni nach der Demonstration . „Zusammen können wir Italien ändern“, kommentierte Sozialdemokratenchef Nicola Zingaretti.

Die Rechtsparteien beobachten mit Argusaugen den Erfolg der „Sardinen“ in Rom. Die Lega wirft den Demonstranten vor, eine reine von der Linken beeinflusste Protestbewegung ohne politische Substanz zu sein. Die Sardinen seien einfach verkappte Mitte-links-Wähler, die sich schämen würden, sich mit der sozialdemokratischen Fahne zu präsentieren. „Mir scheinen die Sardinen eine aufgewärmte Fischsuppe zu sein“, scherzte Lega-Senator Roberto Calderoli.

Die „Sardinen“ sind aber auch im Ausland erfolgreich. Viele Auslandsitaliener versammelten sich am Samstag in Brüssel, Paris und Wien, um ihre Ablehnung gegenüber Populismus und Rassismus auszudrücken. Fotos und Videos auf sozialen Medien von der Kundgebung bei der Wiener Staatsoper zeigten eine rege Beteiligung an der Demonstration am Samstagnachmittag.


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