Arbeit, Adrenalin, Applaus: Tanzcompany-Stars Lara und Gabriel im Gespräch

Lara Brandi und Gabriel Marseglia sind im Leben und auf der Bühne ein Paar. Die beiden längstdienenden Mitglieder der Tanzcompany am Landestheater im Gespräch über die Härte und die Schönheit ihres Berufs.

Lara Brandi und Gabriel Marseglia leben und tanzen zusammen (rechts in einer Szene aus „Dante.Inferno“, Saison 2014/15). Und gelegentlich geben sie auch gemeinsam Interviews.
© Rachlé, Larl

Sie sind als Paar zur Tanzcompany ans Tiroler Landestheater gekommen, verbringen also privat und beruflich viel Zeit miteinander. Ist das eine konfliktträchtige Konstellation?

Lara Brandi: Wir schaffen das gut. Ich bin seit der Saison 2013/14 in Innsbruck engagiert, Gabriel folgte ein Jahr später, er sprang ein, als sich ein Tänzer verletzte. Wir sind seit neun Jahren ein Paar, leben zusammen, streiten fast nie. Das mag verwundern, es ist aber so.

Kommt es vor, dass Sie einander nach Aufführungen kritisieren?

Lara: Ich bin perfektionistisch und übertrage das auch auf Menschen, die ich mag. Ich sage Gabriel schon, wie mir sein Auftritt gefallen hat.

Gabriel Marseglia: Lara ist wirklich sehr genau, sie sieht auch kleinste Details und weist mich darauf hin. Ich finde das gut, denn es hilft mir, besser zu werden.

Lara: Gabriel kritisiert mich so gut wie nie. Ich vermute, dass er mich einfach schont. Es kann ja nicht immer alles so gut sein, dass es nichts auszusetzen gibt.

Sie zählen bei der Tanzcompany beinahe schon zum Inventar als jene Mitglieder, die am längsten mit dabei sind.

Gabriel: Das ist schon ungewöhnlich. Denn Tänzer wechseln häufig das Theater, an dem sie arbeiten. Wir hätten nie gedacht, dass wir so lange in Innsbruck bleiben. Aber hier wachsen wir beruflich immer noch weiter. Die Rollen, die wir tanzen, sind herausfordernd und spannend. Das aktuelle Stück „The Tempest“ eröffnet uns wieder eine neue Dimension.

Die Tanzcompany ist ein Kassenmagnet des Landestheaters. Worauf führen Sie die Begeisterung des Tiroler Publikums zurück?

Lara: Für den großen Zuspruch des Publikums sind wir sehr dankbar. Es ist keine Selbstverständlichkeit. Wir haben Fans, die sich manche Stücke mehrmals ansehen. In Italien wäre das undenkbar. Dort ist Tanz immer noch etwas für die Eliten. Die Tickets sind teuer, das Publikum putzt sich heraus. In Innsbruck ist alles viel lockerer, man kann auch in Jeans ins Tanztheater gehen, ohne schief angeschaut zu werden.

Gabriel: Dazu kommt, dass unsere Choreografien modern sind und Geschichten erzählen. Tanz besteht nicht nur aus klassischem Ballett wie „Schwanensee“.

Ihre Auftritte sollen elegant und wie selbstverständlich wirken. Wie hart ist die Arbeit, die dahinter steckt?

Lara: Wir arbeiten acht Stunden am Tag mit unserem Körper. Wir spüren jeden Muskel, jedes Organ. Manchmal wissen wir morgens gar nicht, wie wir aus dem Bett kommen sollen, weil alles so wehtut.

Schmerzen sind ein ständiger Wegbegleiter?

Gabriel: Speziell, wenn wir neue Schrittfolgen einstudieren. Mit den Schmerzen lebt man. Sie hindern nicht am Auftritt. Auch Verletzungen steckt man weg. Das Adrenalin trägt dich durch die Aufführung. Am Ende eines solchen Abends ist man allerdings richtig kaputt.

Lara: Unser Job bedeutet auch Opfer. Wir bringen diese, um auf der Bühne zu stehen, das ist für einen Tänzer das Größte. Der Schlussapplaus wärmt unsere Herzen. Wir gehen dann heim und sind die glücklichsten Menschen.

Glücklich wohl schon, reich wird man allerdings nicht.

Gabriel: Nur die absoluten Stars verdienen wirklich gut. Sonst wird man nicht reich, auch nicht als Solotänzer. Die Budgets sind eben begrenzt.

Lara: Ich verdiene lieber weniger und fühle mich dafür so wohl wie hier in Innsbruck. Die Stadt ist zwar so teuer wie Florenz, von wo ich stamme. Doch die Lebensqualität in Tirol ist hoch. Gabriel und ich teilen uns eine Wohnung. Das hilft sparen.

Haben Sie in letzter Zeit daran gedacht, an ein anderes Theater zu wechseln?

Lara: Wir können mit Tanzdirektor Enrique Gasa Valga offen reden. Wenn es eine Möglichkeit zum Vortanzen gibt, würde er uns das ermöglichen. Enrique versteht das, er war selbst Tänzer. So ein Jobwechsel bedeutet ein Abwägen der Vor- und Nachteile. Und dieses Abwägen hat bisher immer klar für Innsbruck gesprochen. Wir fühlen uns hier zu Hause. Und die Stimmung in der Tanzcompany ist hervorragend. Natürlich stehen wir im Wettbewerb, doch wir halten auch zusammen wie in einer Familie.

Was wäre, wenn die Mailänder Scala anruft, um Sie zu verpflichten. Würden Sie Innsbruck verlassen?

Lara: An die Scala würde ich sicher nicht wechseln. Da gibt es vielleicht 30 bis 40 Ballettabende pro Jahr. In Innsbruck sind es fast 100.

Gabriel: Wir sind nur 18 Tänzer in Innsbruck, da kommt man oft zum Einsatz. Und die einzelnen Stücke bringen wir bis zu 15-mal auf die Bühne, weil die Nachfrage entsprechend groß ist. Das ist schon außergewöhnlich.

Kann man in Ihrem Beruf jemals das tun, was andere in Ihrem Alter tun – ausgehen, die Nacht zum Tag machen?

Lara: Wir gehen schon aus, Gabriel mehr als ich. Bevor es zu wild wird, verabschiede ich mich. Gabriel feiert schon einmal bis in den Morgen.

Gabriel: Nach einer Vorstellung kann das vorkommen. Das geht natürlich nur, wenn ich am nächsten Tag frei habe. Das ist in anderen Berufen wohl auch so.

Sie sind mit 28 (Gabriel) und 26 (Lara) in einem für Tänzer schon etwas fortgeschrittenen Alter. Verspüren Sie den Druck nachrückender, junger Kollegen?

Lara: Mit 26 ist man als Tänzerin nicht mehr ganz jung. Doch man bewegt sich mit den Jahren auch anders, entwickelt seinen Stil, kommt für andere Rollen in Frage. Man kann mit den heutigen Trainingsmethoden sicher bis in ein Alter von 35 bis 40 Jahren als Tänzer aktiv bleiben.

Bleiben Sie dem Ballett auch nach Ihrer aktiven Laufbahn erhalten?

Lara: Das ist noch weit weg. Aber es gibt viele berufliche Möglichkeiten. Wir könnten beispielsweise eine Ballettschule in Italien eröffnen.

Gabriel: Oder ein Restaurant, weil wir gerne kochen.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Wann läuten die Hochzeitsglocken?

Lara: In einer langjährigen Partnerschaft wie der unseren fühlt es sich fast so an, als ob man schon verheiratet wäre. Aber wenn es einmal so weit sein sollte, dann mag ich es ganz altmodisch mit allem, was dazugehört – Heiratsantrag und so weiter.

Gabriel, das klingt nach Ihrem Stichwort .

Gabriel: (lächelt) Wir sind jung. Wir werden sehen.

Das Gespräch führte Markus Schramek


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