Ein Festmahl mitten in der Kirche

Weihnachtsessen für Obdachlose: Einmal im Jahr sind Menschen vom Rand der Gesellschaft die Ehrengäste.

© Sant Egidio

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck –Auf diese Einladung warten manche schon seit Monaten, für viele ist es die einzige, die sie im Jahr bekommen: Beim Weihnachtsessen der Gemeinschaft Sant’Egidio am 25. Dezember nehmen Menschen an der Festtafel Platz, die am Rand der Gesellschaft leben. „Sie sind an diesem Tag unsere Ehrengäste“, sagt Organisatorin Vera Merkel. Es ist das siebte „Weihnachtsfest einer Familie ohne Grenzen“ in Innsbruck und findet in diesem Jahr zum ersten Mal in einer Kirche statt: im Mittelgang der Spitalskirche in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck.

„Das ist uns besonders wichtig, damit setzen wir ein Zeichen“, sagt die Österreich-Leiterin der 1968 in Italien entstandenen christlichen Gemeinschaft, die sich ehrenamtlich für die Armen und den Frieden einsetzt. „Wir holen die, die außerhalb stehen, ins Zentrum, auch in unseren Köpfen.“ Damit sind die Mitglieder nicht allein: 1982 fand in Santa Maria in Trastevere in Rom zum ersten Mal ein Weihnachtsessen für Obdachlose in der Kirche statt, inzwischen sind es schon mehr als 60.000 Menschen, die in 78 Ländern weltweit daran teilnehmen. Merkel: „Es gibt sie, die Armen, wir dürfen sie nicht verstecken.“

Rund 70 freiwillige Helfer unterstützen sie bei den Vorarbeiten, organisieren Geschenke oder Spenden. Schüler vom Gymnasium Adolf-Pichler-Platz in Innsbruck haben die Dekoration für die Festtafel gebastelt, die im Mittelgang der Kirche aufgestellt wird. Manche von ihnen bedanken sich sogar, dass sie mitwirken dürfen und dem Weihnachtsfest damit wieder einen tieferen Sinn geben können.

Rund 60 Gäste werden erwartet. Eingeladen sind wie jedes Jahr Obdachlose, Flüchtlinge, Bettler, Ältere. „Menschen, die es schwer haben und die zu Weihnachten die Bitterkeit des Lebens noch belastender empfinden als sonst“, sagt die Innsbruckerin. Und wie immer hofft sie noch auf das eine oder andere kleine Weihnachtswunder, „denn für einige könnte es das letzte Weihnachtsfest in Österreich sein“.

Nach über vier Jahren Freundschaft droht manchen jungen afghanischen Freunden der Gemeinschaft die Abschiebung. Merkel: „Für uns ist das unvorstellbar, da sie hier sehr gut integriert sind und uns mit großem Engagement zum Beispiel bei Besuchen im Altenheim unterstützen.“ Auch irakische Familien, die seit Jahren beim Weihnachtsfest willkommen sind, bangen um einen Aufenthalt. Einmal war eine Familie unter den Gästen, die keine Unterkunft fand. Doch wie durch ein Wunder gingen danach plötzlich Türen auf, wie Vera Merkel schildert.

Wer sich beteiligen möchte, kann am Sonntag, 22. Dezember, um 11 Uhr ins Wohnheim Saggen kommen und beim Einpacken der Geschenke und bei anderen Vorbereitungsarbeiten helfen.


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