„Herbst“ von Ali Smith: Auf Du und Du mit dem Jetzt

„Herbst“ ist der erste von vier Jahreszeiten-Romanen, in denen Ali Smith die gegenwärtigen Unsicherheiten behandelt.

Die Schottin Ali Smith zählt zu den bedeutendsten Gegenwartsautorinnen Großbritanniens.
© imago stock&people

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Deutschsprachige Leserinnen und Leser erreicht dieses Buch eigentlich zu spät. Im Original liegt Ali Smiths Roman „Herbst“ bereits seit Anfang 2017 vor. Doch Smith, die hierzulande aus schwer greifbaren Gründen seit Jahren bestenfalls als Geheimtipp und „Writer’s Writer“ gilt, ist nicht nur eine der großen Erzählerinnen ihrer Generation, sondern auch eine begnadete Wortspielerin. Eine entfernte schottische Verwandte des Iren James Joyce, wenn man so will. Ali Smith geht es allerdings weniger um von Kalauern geschürte Aha-Effekte, sondern um Erkenntniserweiterung durch intertextuelle Hinweise auf Songs, Bilder oder Filme und Assoziationsketten, etwa in Form von Verschiebungen verwandter Klänge. Überhaupt folgt Ali Smiths Schreiben musikalischen Mustern, es gibt rhapsodische Listen, Refrains. Wie genau ihr Verfahren funktioniert, kann man in einem kürzlich erschienenen New-Yorker-Essay des amerikanischen Großkritikers James Woods nachlese­n.

Doch auch ohne diesen Hintergrund dürfte klar sein, dass sich Smiths durchaus ernstes Spiel mit der englischen Sprache in einer anderen nur bedingt nachbauen lässt. Übersetzerin Silvia Morawetz ist das in „Herbst“ hervorragend gelungen. Aber Hervorragendes braucht eben sein­e Zeit. Und deshalb kommt „Herbst“ etwas verspätet in den deutschsprachigen Buchhandel. Was im Grunde egal wäre, wäre „Herbst“ nicht eine direkte Reaktion auf das, was Großbritannien im Sommer und Herbst 2016 umtrieb. Mit anderen Worten auf die Verwirrungen und Verirrungen unmittelbar nach dem Brexit-­Referendum. Dieses unmittelbare Zwiegespräch mit dem Jetzt machte „Herbst“ 2017 zum aufregenden Ereignis. Dieser Effekt ist gut zweieinhalb Jahre später verpufft. Was freilich auch sein Gutes hat, denn der Fokus auf die Unübersichtlichkeit des brennend Aktuellen verstellt bisweilen den Blick aufs Detail. Reizvoll bleibt „Herbst“ trotzdem, weil man nach wie vor merkt, dass man einen Text ohne vorgefertigtes Ziel liest, ohne Sicherheitsnetz und Ziel, auf das alles zuläuft.

Erzählt wird in „Herbst“ von einem knapp 100-Jährigen und einer Kunsthistorikerin, die sich im Akademiker­prekariat mehr oder weniger gut eingerichtet hat. Der Alte, Daniel, fantasiert sich durch seine Vergangenheit. Die Jung­e, Elisabeth, taumelt einer unsicheren Zukunft entgegen. Sie kennen sich seit Jahren – und unterhalten sich in äußerst eigenwilligen Codes. Smith verzichtet in ihrer Erzählung auf gängige Stützen, nur selten steckt sie den Rahmen ab.

Es braucht ein bisschen, bis man sich in dieser sich so unvermittelt eröffnenden Welt zurechtfindet, bis man erkennt, wer wann spricht. „Herbst“ ist mehr als ein Buch über die unübersichtliche Unsicherheit, das Zerbröseln konventioneller Ordnung spiegelt sich auch in seiner Struktur wider. Treffender lassen sich gegenwärtige Entwicklungen (in Großbritannien und im Rest der Welt) kaum darstellen. Und beunruhigender auch nicht.

„Herbst“ ist der erste Teil eines auf vier Romane angelegten Projekts. In Großbritannien sind auch „Winter“ und „Frühling“ bereits erschienen. Am „Sommer“ arbeitet Ali Smith derzeit. Der Roman soll im Sommer 2020 erscheinen.

Roman Ali Smith: Herbst. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand, 265 Seiten, 22,70 Euro.


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