Menschenwelt und Götterfunken: Beethoven-Schau im Prunksaal

Das Wiener Beethoven-Jahr 2020 wird in seinen ersten Monaten von einer Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) begleitet. Sie konzentriert sich auf Partituren und Autografen des Musik-Genies. „Viel Erfolg beim Entziffern von Beethovens Schrift“, wünschte Thomas Leibnitz, Kurator der Ausstellung und Direktor der Musiksammlung, bei der heutigen Presseführung.

Beethoven galt nicht nur als Sonderling, sondern war auch als jemand bekannt, dessen Handschrift nur schwer lesbar war - keine leichte Aufgabe auch für die Notenstecher, die unsterbliche Musik für die Nachwelt festzuhalten hatten. „Die Ausstellung versucht beiden Aspekten gerecht zu werden - dem überragenden Genie und den alltäglichen Umständen des Menschen Beethoven“, sagte ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger und nannte es eine Selbstverständlichkeit, dass sich die Musiksammlung des Hauses an den Aktivitäten des Beethoven-Jahres beteilige. Es handle sich schließlich um „ein ganz besonderes Kapitel der Musikstadt Wien“: „Was wäre die Wiener Klassik ohne Beethoven als ihren großen Vollender?“

Die Beethoven-Bestände der ÖNB stehen laut Leibnitz allerdings „weit hinter Berlin“: Als sich im 19. Jahrhundert ein schwunghafter Handel mit alten Handschriften etablierte, zeigte man an der dortigen Königlichen Bibliothek deutlich mehr Interesse an den angebotenen Beethoven-Konvoluten. Und so stammt auch das Highlight der Wiener Schau, der erstmals in Österreich ausgestellte Teil des Originalmanuskripts der Neunten Sinfonie, der die Übereinanderstellung der musikalischen Themen „Freude, schöner Götterfunken“ und „Seid umschlungen Millionen“ zeigt, aus der Staatsbibliothek zu Berlin.

Das seit 2001 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO zählende Original wird am 9. März aus konservatorischen Gründen allerdings durch ein Faksimile ersetzt, die Ausstellung selbst läuft bis 19. April. Neben dem Autografen lassen sich zwei Tonbeispiele anhören: eine Aufnahme der Passage unter Roger Norrington mit The London Classical Players, sowie eine von der Firma Neuroth bearbeitete Aufnahme, die deutlich machen soll, wie man mit Beethoven vergleichbarer fortgeschrittener Schwerhörigkeit das Werk wahrnehmen würde - ohne hohe Töne, dafür mit Tinnitus.

Zu hören gibt es insgesamt nicht viel, und auch gestalterisch reiht sich die Ausstellung mit den alten Vitrinen-Tischen in die hier üblichen schlichten Präsentationen im phänomenalen Ambiente des Prunksaales ein. Nicht streng chronologisch, sondern eher nach Themengruppen wie „Mäzene“, „Musiker & Verleger“, „Frauen & Freunde“ oder „Alltag“, werden die Dokumente mit einigen Hintergrundinformationen sowie auszugsweisen Transkriptionen präsentiert und sollen dabei der „Fallhöhe zwischen Götterfunken und Menschenwelt“ (Leibnitz) gerecht werden.

Berühmte Zitate wie die Stammbuch-Eintragung von Graf Ferdinand Waldstein an den 21-jährigen Beethoven „Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozart‘s Geist aus Haydns Händen“, oder die im Heiligenstädter Testament geführte Klage, zu Unrecht als misanthropisch oder gar feindselig gehalten zu werden, sind hier ebenso zu entdecken wie das Original des von Beethovens Mäzenen unterzeichneten Rentenvertrags, der das Musikgenie in Wien halten sollte. An Partituren gibt es das Violinkonzert op. 61, die „Frühlingssonate“ op. 24 (mit Beethovens handschriftlicher Anmerkung „Der Copist der die 3 und 6 hier hinein gemacht war ein Esel“) oder das Streichquartett op. 95 zu sehen.

In drei Sammlungen der ÖNB werden Beethoven-Materialien verwahrt: In der Sammlung von Handschriften und alten Drucken liegen über 130 Originalbriefe Beethovens, in der Musiksammlung befinden sich 13 Originalhandschriften seiner Kompositionen sowie 941 Bände mit Erst- und Frühdrucken von Beethovens Werken. In Bildarchiv und Grafiksammlung ruhen zudem über 1.000 Objekte wie Porträts, Plakate zu Ausstellungen und Konzerten, Fotos von Beethoven-Denkmälern und Druckgrafiken. Zum Jubiläumsjahr wurden alle diese Bestände digitalisiert und sind unter dem Portal „Beethoven Digital“ ab sofort abrufbar. Vielleicht der bedeutendere Beitrag zum Beethoven-Jahr.

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