Tiroler Helfer in Mossul: Leben in toxischem Umfeld

Nach vier Monaten im Irak ist Raimund Alber zurück in Österreich. Der gebürtige Tiroler behandelte in Mossul für Ärzte ohne Grenzen Menschen mit seelischen Schmerzen.

Für die Menschen in Mossul ist der Krieg vorbei. Die Erinnerungen aber bleiben.
© Reuters

Von Nikolaus Paumgartten

Mossul, St. Jakob a. A. –Bei der Schlacht um die nord­irakische Stadt Mossul hatte er seine Frau verloren. Und plötzlich war der junge Mann mit den beiden Kindern auf sich allein gestellt. Das Baby litt Hunger und musste dringend gestillt werden. Also versuchte der Vater Ersatznahrung zu besorgen. Doch weil er im vom so genannten „Islamischen Staat“ kontrollierten Gebiet der Stadt lebte, musste der junge Mann den Kämpfern dort die Frage beantworten, ob er denn den IS unterstütze. „Ich bin Iraker. Ich stehe auf keiner Seite“, antwortete der Mann. Damit blieb ihm der Zugang zur dringend benötigten Säuglingsnahrung verwehrt. Wenig später starb das Baby.

Die Erzählungen des jungen Vaters, der verzweifelt versuchte, seine kleine Familie zu retten, ist Raimund Alber besonders in Erinnerung geblieben. Er lernte den Mann rund zwei Jahre nach Ende der Schlacht um Mossul kennen. Der gebürtige Tiroler aus St. Jakob am Arlberg und ausgebildete klinische Psychologe ist im November von einem viermonatigen Einsatz in der nordirakischen Stadt zurückgekehrt. Seine Aufgabe war es, ein internationales 13-köpfiges Team aus Psychologen zu koordinieren und dadurch den Menschen in der kriegsgebeutelten Stadt den Zugang zu psychologischer Betreuung zu ermöglichen.

„Es geht darum, den Menschen so weit zu helfen, dass sie wieder besser funktionieren.“ - Raimund Alber (Psychologe)
© MSF

„Wir sprechen da nicht von einer Trauma- oder Psychotherapie“, erklärt der 38-Jährige. Dafür würden Zeit und Ressourcen fehlen. „Es geht vielmehr darum, den Menschen so weit zu helfen, dass sie wieder besser funktionieren.“ Eine Herausforderung sei das vor allem deshalb, weil der Krieg auch jetzt noch allgegenwärtig ist. „Viele Menschen leben dort in einem toxischen Umfeld. Sie sehen die Einschusslöcher in den Häusern und werden immer wieder an das Geschehene erinnert“, sagt Alber. In seiner täglichen Arbeit ging es daher in erster Linie darum, die Aufmerksamkeit der Betroffenen auf die positiven Dinge des täglichen Lebens zu lenken. „Die Tatsache, dass die Schulen wieder öffnen, dass Gebäude wieder aufgebaut oder Brückengeländer gestrichen werden. Oder auch der Wechsel der Jahreszeit kann so etwas Positives sein“, erklärt der Tiroler.

Viele Menschen in Mossul leiden unter Schlafstörungen und Albträumen, viele unter Panikattacken und aggressiven Ausbrüchen. Sehr oft haben die Betroffenen auch Suizidgedanken. „Sehr viele haben dafür aber auch keine Erklärung“, weiß Alber. So war es auch die Aufgabe seines Teams, die Leute in Mossul darauf aufmerksam zu machen, dass psychische Probleme die Ursache für ihre Leiden sein könnten. „Natürlich gibt es dabei am Anfang das Problem der Stigmatisierung. Daher verwenden wir auch den Begriff der ,mentalen Gesundheit‘ und sprechen nicht von psychischen Problemen. Wenn der Leidensdruck irgendwann so stark wird, dann ist jeder froh, wenn er Hilfe bekommt“, berichtet Alber. Entspannungstipps, die Vorstellungen von schönen Orten und andere Strategien können den Patienten den Alltag dann enorm erleichtern. „Mit den ersten Erfolgsgeschichten haben sich dann auch immer mehr Menschen bei uns gemeldet.“

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Wie der junge Familienvater, der seine Frau und sein Baby im Krieg verloren hat, mit seinem Schicksal zurechtkommen wird, kann Raimund Alber nicht sagen. Dank der psychologischen Betreuung durch Ärzte ohne Grenzen hat er aber zumindest jene Unterstützung erhalten, die er braucht, um sein Leben und seinen Alltag zu bewältigen.

Wer die Arbeit der Organisation Ärzte ohne Grenzen unterstützen möchte, kann das mit einer Spende tun: Erste Bank, AT43 2011 1289 2684 7600, BIC: GIBAATWWXXX. Nähere Informationen über Ärzte ohne Grenzen und weitere Möglichkeiten der Unterstützung gibt es im Internet unter www.aerzte-ohne-grenzen.at.


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