Doping-Anklage gegen deutschen Arzt und „Aderlass“-Helfer

Die Staatsanwaltschaft München hat Anklage gegen den deutschen Sportarzt Mark S. und vier seiner „Aderlass“-Komplizen erhoben. Wie die Behörde am Donnerstag mitteilte, werde ihnen unter anderem die gewerbsmäßige und teilweise bandenmäßige Anwendung verbotener Dopingmethoden beziehungsweise Beihilfe dazu vorgeworfen. S. ist zudem wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung angeklagt.

Der Mediziner und einer weiterer Beschuldigter befinden sich seit ihrer Festnahme im Zuge der „Operation Aderlass“ deutscher und österreichischer Behörden bei der Nordischen-WM in Seefeld und in Erfurt Ende Februar beziehungsweise Mitte März in Untersuchungshaft. Drei Verdächtige sind im Mai/Juni aus der Haft entlassen worden. Der Starttermin des Prozesses vor dem Landgericht München sei noch offen, hieß es weiters.

Die Anklageerhebung vom 13. Dezember wirft S. vor, er habe „seit spätestens Ende 2011 von Erfurt aus regelmäßig und in einer unbekannten Vielzahl von Fällen weltweit, überwiegend in Europa, vor allem in Deutschland und Österreich, insbesondere im Bereich des Rad- und Wintersports systematisches Blutdoping“ praktiziert. Dadurch habe sich S. „eine fortlaufende Einnahmequelle von einiger Dauer und einigem Umfang“ verschaffen wollen.

Die Blutmanipulationen seien anhand von ausgefeilten Behandlungsplänen für Athleten vorgenommen worden, so dass es bei Doping-Tests über einen langen Zeitraum keinen Nachweis einer verbotenen Substanz gegeben habe. Abgesehen von Blutmanipulationen zur Steigerung der Ausdauer- und Leistungsfähigkeit habe der beschuldigte Arzt mutmaßlich auch Arzneimittel, insbesondere Wachstumshormon-Präparate, verordnet. S. habe mindestens von 2014 an einen eingeweihten kleinen Kreis von Personen, die für ihn das Eigenblutdoping durchführten oder die Taten logistisch begleiteten, unterhalten.

Der Erfurter Sportarzt soll zudem, so die Staatsanwaltschaft, im September 2017 sogar einer Sportlerin das neue Präparat Erythrozyten in Form von trockenen Plättchen verabreicht haben. Zu diesem Zeitpunkt soll er „keine belastbaren Informationen über den Inhalt, die Zusammensetzung oder die Wirkungsweise des Präparates im Hinblick auf Nebenwirkungen gehabt haben“, erklärte die Behörde. S. soll der Sportlerin wahrheitswidrig berichtet haben, dass das Präparat an mehreren Personen getestet worden sei und es zu keiner Gefährdung kommen könne. Tatsächlich sollen sich bei der Sportlerin eine halbe Stunde nach Einnahme deutliche Nebenwirkungen eingestellt haben, die jedoch keine bleibenden Schäden zur Folge hatten.

Laut Staatsanwaltschaft München hätten sich die Ermittlungen gegen insgesamt 50 Personen - darunter 23 Sportler aus acht Ländern, die Blutdoping an sich durchführen ließen - gerichtet. Im März war man noch von 21 Sportlern aus sieben Nationen ausgegangen. Die Anklage stütze sich auf Aussagen von 30 Zeugen, mehrere Gutachten und zahlreiche Beweismittel, hieß es. Mutmaßliche Taten von Sportlern seien nach deutschem Recht aber erst seit dem Inkrafttreten einer Gesetzesnovelle im Dezember 2015 strafbar.

In Österreich müssen sich indes im Jänner die beiden Ex-ÖSV-Langläufer Dominik Baldauf und Johannes Dürr sowie der ehemalige Radprofi Georg Preidler vor Gericht verantworten. Der Prozess gegen Stefan Denifl wurde auf Februar verlegt. Den Genannten - für sie gilt die Unschuldsvermutung - wird schwerer gewerbsmäßiger Betrug vorgeworfen. Der bereits 2014 als EPO-Dopingsünder überführte Dürr, dessen Aussagen in einer TV-Dokumentation im Jänner die länderübergreifenden Ermittlungen ausgelöst hatten, wird außerdem zur Last gelegt, zum Doping anderer Sportler beigetragen zu haben.

Der Langläufer Max Hauke, in Seefeld auf frischer Tat mit einer Bluttransfusion im Arm erwischt, ist im Oktober bereits - nicht rechtskräftig - zu einer bedingten Freiheitsstrafe von fünf Monaten verurteilt worden. Die ebenfalls in die Affäre verwickelte Ex-Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner hatte im August eine nicht rechtskräftig bedingte Haftstrafe ausgefasst. Sportrechtlich sind gegen die österreichischen Sportler bereits Sperren ausgesprochen worden. Aus dem Radsport erhielten aufgrund von Beweisen aus den „Aderlass“-Ermittlungen auch Alessandro Petacchi (ITA), Kristijan Durasek (CRO), Kristijan Koren und Borut Bozic (beide SLO) mehrjährige Sperren.


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