Packendes Seelendrama: „Eugen Onegin“ in Klagenfurt

Wuchtig und zart zugleich und mit einem Ensemble, das auch schauspielerisch gute Figur macht, erntete Pjotr I. Tschaikowskis „Eugen Onegin“ Donnerstagabend am Stadttheater Klagenfurt stürmischen Applaus des Premieren-Publikums. Dirigent Jader Bignamini achtete mit dem glänzend disponierten Kärntner Sinfonieorchester auf eine ausgewogene Balance zwischen Bühne und Orchestergraben.

Dabei wurden auch Chor und Extrachor des Stadttheaters (Einstudierung: Günter Wallner) zu weiteren Hauptdarstellern. Von der ersten (bäuerlichen) Massenszene gleich zu Beginn bis zur einfallsreich-ironischen Polonaise der feinen Gesellschaft im dritten Akt spürt man die Handschrift des Kärntners Lukas Zuschlag, Solotänzer und Choreograf an der Oper Laibach. Gemeinsam mit dem deutschen Regisseur Dieter Giesing setzt er kleine Gesten und starke Bilder in das Spannungsfeld zwischen den drei Hauptakteuren.

Die verträumte Provinz-Schönheit Tatjana verliebt sich in den Dandy Onegin. Der allerdings weist sie recht überheblich zurück und sie stürzt in tiefe Verzweiflung, verhärtet innerlich. Parallel dazu eskaliert ein anfangs von Onegin spielerisch entfachter Eifersuchts-Streit mit seinem Freund Lenski, der Tatjanas Schwester Olga heiraten will. Immer aufgeladener wird die Situation, bis Lenski schließlich Onegin zum Duell fordert und dabei stirbt. Erst Jahre später treffen einander die beiden einstigen Jugendlichen Tatjana und Onegin wieder. Diesmal in der städtischen feinen Gesellschaft, in die Tatjana eingeheiratet hat. Doch jetzt ist es sie, die den Verehrer zurückweist, schweren Herzens zwar, aber pflichtbewusst ihrem Mann gegenüber. Eugen Onegin muss erkennen, dass sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen lässt und bleibt als gescheiterte Existenz alleine. Die Vorlage für das Libretto, das Tschaikowski mit Konstantin S. Schilowski schrieb, bildete übrigens ein gleichnamiger Versroman von Alexander S. Puschkin.

Slawisch schwermütig und sinnlich schön wechseln sich die vom Komponisten so bezeichneten „lyrischen Szenen“ in drei Akten und sieben Bildern ab, schraubt sich die Geschichte ihrem emotionalen Finale entgegen. Leitmotivisch führen die Bläser (Oboen, Hörner, Klarinetten) durch die Handlung, Streicherteppiche verdichten die Stimmung, innige Arien, Duette und Quartette lassen die musikalische Umsetzung knappe drei Stunden lang abwechslungsreich und spannend bleiben. Dabei beeindruckte besonders Tamuna Gochashvili als erotisch erblühende Tatjana in der sogenannten Brief-Szene, einem langen, packenden Monolog, in dem sie ihr Seelenleben offenlegt. Aber auch der höhensichere Tenor Pavel Petrov als Dichter Lenski und Adrian Timpau als egozentrischer Titelheld wurden euphorisch gefeiert. Onegin, der in dieser spannenden Interpretation seinem Leben lang eher zusieht als agiert, schaut nicht einmal beim Todesschuss seinem Freund Lenski ins Gesicht.

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Das psychologisch glaubhafte Gesellschaftspanorama aus dem zaristischen Russland wurde in Klagenfurt nicht platt modernisiert sondern mit folkloristischen Zitaten und schillernden Partykostümen zeitlos elegant in Szene gesetzt. Der Kontrast zwischen den ersten beiden Akten auf dem Land und dem dritten in St. Petersburg ist ein bewusster Bruch zwischen der pubertären Schwärmerei der Jugend und den unerfüllten Sehnsüchten des Erwachsenenlebens.

Nur das in mehrfacher Hinsicht hölzerne Bühnenbild spielt da nicht ganz mit. Zu unbeholfen und abstrakt wirkt das Ambiente in den Anfangsszenen - mit kahlen Baumstämmen statt einem Garten und einer Holzbaracke, die nicht einmal die sorgfältige Lichtregie zu einem Gutshaus werden lassen kann.


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