Der „Dies irae“ am Burgtheater dreht sich im Kreis

Beinahe schien es, als wolle die „Endzeit-Oper“ partout kein Ende finden. Die vielen „Das Ende naht!“-Rufe gestern Abend im Burgtheater bezogen sich jedenfalls nicht auf die Bühnenereignisse selbst. Der „Dies irae“, den Regisseur Kay Voges, Komponist Paul Wallfisch und Dramaturg Alexander Kerlin ausgerufen hatten, drehte sich zwei volle Stunden lang im Kreis, ohne so recht auf den Punkt zu kommen.

Die Angst vor und die Lust am Untergang steht im Zentrum dieser Aufführung, die mit Bildern keineswegs geizt und dennoch manchmal an einen mit viel szenischen und musikalischen Nebengeräuschen aufgemotzten literarischen Themenabend erinnert. Dass Textmaterial von Aischylos bis Nietzsche und von Jean Paul bis Erich Mühsam verwendet wird, erfährt man immer wieder durch Einblendungen auf den vier großen Screens, auf denen das Geschehen, das nicht selten in einem verborgenen Winkel der kunstvoll ineinander verschachtelten Bühne von Daniel Roskamp stattfindet, in Großaufnahme übertragen wird.

Auf der Drehbühne, die gleichzeitig eine rauchende Trümmerlandschaft darstellt, gibt es den Teil einer Passagierkabine eines Flugzeugs, einen Love Room, ein Krankenhauszimmer, das für Geburten und Sterbefälle gleichermaßen dient, ein Wohnzimmer, einen Schuppen, eine Waschküche und viele Stiegen. Zwei rote Leuchtschriften werben für ein Hotel: „Eden“ heißt es, woraus im Bühnenumdrehen (und Buchstabenfallen) ein „Ende“ wird. Im Hintergrund stürzt ein großer, in Comic-Manier gemalter Kampfjet mit der Aufschrift „To Paradise“ langsam (und folgenlos) ab, im Vordergrund markieren einige Holzkreuze einen Totenacker. Hier ist ständig was los - und die Musi‘ spielt dazu. Den Soundtrack zur Endzeit-Oper liefert eine dreiköpfige Band (neben Komponist Wallfisch noch Larry Mullins aka Toby Dammit sowie Simon Goff), die man leider nie zu Gesicht bekommt. Nur selten, etwa wenn Sopranistin Kaoko Amano zur Musik die Vocals beisteuert, trägt die Musik den Abend. Dieser „Tag des Zorns“ hätte es aber bitter nötig, dass man ihm beim Fliegen hilft.

Er beginnt mit dem von 21 runtergezählten Sturz eines jungen Mannes (Felix Rech) in digital animierte Hochhausschluchten, wofür es immer wieder ein aufmunterndes „So far, so good“ gibt. Kurz vor dem Aufprall wird die Zeit angehalten und das Spiel kann beginnen. In diesem endlos scheinenden Moment zwischen Leben und Tod ist alles möglich, lautet die Ausgangsthese des Abends. Was macht Voges daraus? Vor allem ein an Hieronymus Bosch orientiertes Wimmelbild, in dem vieles parallel abläuft. Da ist der Flug einer Mutter (Dörte Lyssewski) mit ihrer Tochter in einer Maschine der „Air Mageddon“ von Sodom nach Gomorrha (die angebliche Maschine des rufgeschädigten Typs Boeing 737 Max gleicht freilich einem Privatjet), auf dem dem Flugkapitän (Florian Teichtmeister) auf mysteriöse Weise zahlreiche Passagiere abhandenkommen. Da ist ein durch die Szene wackelndes zerzaustes Paar, angesiedelt zwischen Zombie-Ball, Beckett-Figuren und Chaplin-Tramps. Da sind Liebespaare aller Altersklassen, Untote und Gespenster, ein seltsamer Hotelpage (Markus Meyer) und bis zu sieben in senfgelbe Blusen und blaue Faltenröcke gesteckte Frauengestalten.

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Auch im digitalen Zeitalter gehe es in der Hauptsache darum, Geschichten zu erzählen, erklärt Voges, der als theatraler Zauberkönig der Bits und Bytes gilt und dem Volkstheater als künftiger Intendant eine ordentliche technische Aufrüstung verpassen will. In „Dies irae“ wirft er jedoch diesen Vorsatz über Bord. Jeder rote Faden wird bald wieder fallengelassen, der Fleckerlteppich aus Bildern und Szenen wird zu keinem narrativen Netz verwebt. Zahlreiche Morde passieren beiläufig, Soldaten patrouillieren und deuten eine Exekutionsszene an, ein Affe tollt über die Bühne, ein bewaffneter Staatsverweigerer ruft mit den Worten von Steve Bannon zur Revolution gegen die herrschende Politiker-Kaste auf. Das alles gleitet, vermischt mit Bruchstücken aus André Bretons „Manifest des Surrealismus“, Walter Benjamins Betrachtungen über den „Engel der Geschichte“ oder Hugo von Hofmannsthals „Rosenkavalier“-Libretto, folgenlos an einem vorüber.

Es geht also nicht um Geschichten, sondern um Gefühle. Das gelingt dort am besten, wo der große und der kleine Tod, das Lieben und das Sterben parallelgeführt werden. Während Martin Schwab eine große Sterbeszene im Spitalbett hat, offenbar von Gattin und Tochter (Barbara Petritsch und Andrea Wenzl) Abschied nimmt, erfreut sich ein anonymes Paar gleichzeitig am Lotterbett aneinander. Darüber, ob der gezeigte Live-Sex tatsächlich echt sein werde, wurde im Vorfeld von manchen Medien spekuliert. Echt oder nicht? Das ist schwer zu sagen (und im Theater meist die falsche Frage) - jedenfalls scheinen die beiden Beteiligten Spaß dabei zu haben. Was man vom Zuschauer nicht immer sagen kann.

Dass der jäh abgebremste Sturzflug kein Gefühl der Schwerelosigkeit erzeugt, bei dem man lustvoll den Boden unter den Füßen verliert und neue Erfahrungen machen kann, sondern einem langen Sinkflug gleicht, der nicht und nicht in die Landung übergeht - dafür ist auch die Musik dieser „Endzeit-Oper“ verantwortlich. Sie verarbeitet viele musikalische Zitate, ohne einen echten Sog zu entwickeln, bedient mehr Kopf als Bauch und gibt dem Abend viel zu wenig Rhythmus vor. Schlussendlich wird nach Art der TV-Serien noch einmal ein kurzer Zusammenschnitt der Highlights der Aufführung projiziert. „Was ist los?“ ruft eine Stimme. „Das Ende kommt!“ - „Das Ende?“ - „Vermutlich.“ Damit endet dieser „Tag des Zorns“ - und mit freundlichem Schlussapplaus für alle Beteiligten. Wenn der letzte Tag einst tatsächlich anbrechen sollte, wird der wohl fehlen. Vermutlich.


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