„A Dog Called Money“: Bruchstücke ohne Berührungsangst

„A Dog Called Money“: PJ Harvey begibt sich auf Reisen, aus denen ein Album werden wird. Seamus Murphy hat sie mit der Kamera begleitet.

PJ Harvey zählt zu den prägenden britischen Musikerinnen der vergangenen Jahrzehnte. „A Dog Called Money“ begleitet ihren kreativen Prozess.
© Stadtkino

Innsbruck –Money, also Geld, nennt ein afroamerikanischer Jugendlicher seinen Hund im armen Teil von Washington. Es ist ein ebenso bequemes wie passendes Sinnbild für Amerika. Die afroamerikanische Seite Washingtons ist eine von mehreren Stationen, die die britische Musikerin PJ Harvey für ihre Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Seamus Murphy besuchte. Die 50-jährige Polly Jean Harve­y ist eine vielseitige Singer-Songwriterin zwischen Punk Rock und Indie Pop, eine Art Patti Smith der 90er-Jahre. Murphy dagegen ist auch Kriegsfotograf und hat schon einige Musikvideos mit seiner Landsfrau gedreht. Er nimmt Harvey u. a. mit zu den so genannten globalen Hotspots nach Afghanistan, Kosovo und eben nach Washing­ton. Auch Eindrücke aus Syrien und der Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen EU-Grenze werden gezeigt. Ihre Ein­drücke sammelt sie in einem Notizbuch. Daraus wird der Gedichtband „The Hollow of the Hand“, mit Murphys Fotos ergänzt. Sie wolle die Luft atmen, den Boden spüren, und jene Menschen und Länder kennen lernen, die sie faszinieren, schreibt Harvey.

Doch das ist nur der Anfang eines verschachtelten, verzweigten multimedialen Projekts, das durchaus Charme hat. Denn PJ Harvey produziert aus den Worten ihrer Reisen auch ein Musikalbum mit dem Titel „The Hope Six Demolition Project“. Und die fünfwöchige Recording Sessio­n wird auch noch als öffentliche Performance im Keller des Londoner Somerset House für ein Publikum zugänglich gemacht. Und zwar nach dem Guckkastenprinzip: Blicke durch verspiegelte Scheiben sind möglich, doch die Musiker sitzen im Panopticon und werken an ihren Songs. Diese Stationen dieser kreativen Reise landen nun als Film auf der Kinoleinwand.

„A Dog Called Money“ liefert so gleich mehrfach Einblick in den kreativen Schaffensprozess. Es ergeben sich Rückbezüge zwischen Erfahrung und Verarbeitung, zwischen Afghanistan und London, zwischen Filmbildern und Musik. Harvey bleibt auf den Reisen großteils Beobachterin. Sie streift durch Ruinen, reflektiert über die Absurdität dieses Künstler-Tourismus und stellt sich und uns Fragen zu Armut, Arbeit. Der Film lässt aber eher die Menschen zu Wort kommen als die Identifikationsfigur Harvey. Es geht Murphy nicht darum, einfache, eindeutige Linien zu ziehen. So löst er das Rätsel auch nicht auf, woher die Strophe eines Songs kommt. Dennoch wird die gern falsch verstandene Beziehung zwischen einer Realität und künstlerischem Handwerk spürbar. Das macht „PJ Harvey – A Dog Called Money“ zu einem faszinierenden Filmdokument. (maw)


Kommentieren


Schlagworte