Colin Kaepernick und die NFL: Kein Weihnachtsmärchen

Protest, Rassismus, Trainingsfarce: Ex-Profi Colin Kaepernick (32) und die Football-Profiliga NFL dürften nicht mehr zusammenfinden. Für Tirols Runningback-Legende Florian Grein ist das keine Überraschung.

Der stille Protest gegen Polizeigewalt hat vor drei Jahren ein berühmtes Gesicht bekommen.
© imago/ZUMA Press

Von Daniel Suckert

Innsbruck –Gewalt, Rassismus, Gesundheitsrisiken – Skandale erschütterten die US-amerikanische Football-Profiliga NFL, die vor zwei Jahren rund 14 Milliarden Dollar Einnahmen abwarf, schon immer. Und trotzdem nimmt die Popularität der oft als letzter Männersport betitelten Sportart keinen nachhaltigen Schaden. Auch hierzulande steigt das Interesse rund um das fliegende Eierlaberl, wie die jährlichen Besucherzahlen (2018, Zuschauerschnitt: 1100) in den rotweißroten Stadien bestätigen. So weit, so gut für die NFL. Wenn da nur nicht die Sache mit Colin Kaepernick wäre, die an der US-Liga kleben zu bleiben scheint wie ein lästiger Kaugummi auf der Sohle eines Turnschuhs.

Jede Menge Autounfälle: In der Washington Times hat man die Faszination für den Football einmal so beschrieben: „Ein halbes Jahr lang beeindrucken Superstars nicht nur mit außergewöhnlichen athletischen Fähigkeiten, sondern mit dem Überleben von brachialer Gewalt in Mann-gegen-Mann-Duellen.“ Oder wie es der ehemalige deutsche NFL-Profi Björn Werner formulierte: „Die Saison fühlt sich so an, als hättest du jede Woche einen Autounfall.“ Eine durchschnittliche Karriere in der besten Liga der Welt dauert nur dreieinhalb Jahre.

Doch da gibt es auch die dunkle Seite dieser modernen Gladiatoren. Beispielsweise als Quarterback Michael Vick (2007) 19 Monate im Gefängnis landete, weil er blutige Hundekämpfe auf seinem Anwesen veranstaltete. Oder ein Tyreek Hill (Wide Receiver), der seine schwangere Freundin verprügelte, oder Runningback Joe Mixon, der in der Öffentlichkeit einen Bekannten krankenhausreif schlug.

Gewaltdelikte bedeuten jedoch nicht zugleich das Karriereende. Die NFL hat ihren eigenen Codex: Vick durfte wieder auf den grünen Rasen zurück – Hill (Kansas City) und Mixon (Cincinnati Bengals) ziehen aktuell jede Woche ihr Dress über.

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Mit seinem Kniefall wurde der ehemalige Football-Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick (M.), weltberühmt.
© imago/ZUMA Press

Der friedliche Protest: An dem Punkt kommt Colin Kaepernick ins Spiel. Jener ehemalige Quarterback, der seit drei Saisonen auf einen neuen Vertrag bei einem der 32 Teams hofft. Der heute 32-Jährige war bis dahin bei den San Francisco 49ers engagiert. Der Anfang vom Ende begann mit seinem knienden Protest (2016) während des Abspielens der US-Hymne. Bei dem stillen Protest ging es ihm darum, auf Rassismus und Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner aufmerksam zu machen. Er war der erste Footballer, der das tat.

Die Aktion fand Unterstützer, aber auch prominente Gegner wie US-Präsident Donald Trump, der Kaepernick als „Hurensohn“ beschimpfte. Doch für das „Klappe halten und Football spielen“ war Kaepernick nicht zu haben. Seine Leistungen auf dem Feld waren allerdings zu wenig beeindruckend, um wirklich Druck ausüben zu können. Der Spielmacher war ein guter Ersatzmann – seinen einzigen Super Bowl (2013) verlor er.

Mittlerweile ist der vereinslose Athlet das Gesicht einer weltweiten Bewegung. Die Bekleidungsfirma Nike startete eine Kampagne mit ihm.

Kein normales Training: Heuer verklagte Kaepernick die NFL und bekam eine Entschädigungszahlung in Millionenhöhe zugesprochen. Ende des Jahres organisierte man ein Probetraining für ihn. Allerdings unter den Bedingungen der mächtigen Liga: Ausgerechnet an einem Samstag (der Großteil der Spiele findet am Sonntag statt), unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit der Bedingung, dass das gesamte Videomaterial Eigentum der NFL sei.

Der arbeitslose Spielmacher schien einzuwilligen, änderte jedoch alles eine Stunde vor Beginn: Das Event wurde an einem anderen Ort abgehalten, zugänglich für jedermann und parallel übertragen auf einem Youtube-Channel. Das war Kaepernicks Antwort, die die beiden Lager noch ein Stück weiter voneinander weg brachte. Für NFL-Chef Roger Goodell hat sich die Akte Kaepernick damit geschlossen: „Es war eine einmalige Gelegenheit, eine unglaubliche Gelegenheit, und Kaepernick entschied sich, sie nicht wahrzunehmen.“

Only in America: Seither wartet das „Kaep“-Lager auf einen interessierten Club. Vergeblich. Und geht es nach dem ehemaligen Raiders-Runningback Florian Grein, wird das auch so bleiben: „Auf uns mag das alles grotesk wirken, aber das ist eine typische US-amerikanische Geschichte, die wir hier in Europa nicht ganz nachvollziehen können. Jetzt ist es eine Werbekampagne. Kaepernick wird nie mehr wieder Football spielen, davon bin ich überzeugt.“

Das liege einerseits an seinem aktuellen Status. Grein: „Er hätte einfach zu viel zu verlieren. Im Augenblick ist er der Held vieler Menschen und hat es geschafft, dass sogar in Europa über ihn berichtet wird. Das wird die NFL auch gerne sehen, so sehr sie auch versucht, alles runterzuspielen.“

Lamar, der Anti-Kaepernick: Andererseits erlebt die NFL dank Lamar Jackson (Baltimore Ravens) so etwas wie den Aufstieg des Anti-Kaepernick. Ein afro-amerikanischer Quarterback, der das Spiel auf seiner Position auf ein neues Level gehoben hat und der heißeste Kandidat auf den „MVP 2019/20“ („wertvollster Spieler“) ist. Ein Profi, der ohne Skandale ist, dem sportlichen Erfolg alles unterordnet und sich – aus Sicht der NFL – nur auf das sportliche Geschehen am Rasen kümmert.

Den aktuellen (sportlichen) Hype um den Ravens-Quarterback kann Grein durchaus nachvollziehen: „Er ist wie ein Runningback, der auch noch verdammt gut werfen kann. Es scheint, als würden die alten Muster in der NFL langsam aufbrechen. Als ich vor 12 Jahren in den USA war, gab es fast keine schwarzen Quarterbacks. Da waren aber auch fast keine weißen Runningbacks. Das wandelt sich gerade, wenn wir an Lamar Jackson und an Christian McCaffrey (Carolina Panthers, Anm.) denken.“

Kann Lamar Jackson am Ende der Saison auch noch den Super Bowl gewinnen und die begehrte Vince Lombardi Trophy in den Nachthimmel strecken, hat die US-Profiliga wohl ihr perfektes „Happy End“. Und Kaepernick? So wie es im Moment scheint, werden die Football-Fans wohl eher ein baldiges Comeback des aktuell wegen sexueller Belästigung vereinslosen Antonio Brown (Wide Receiver) erleben.

Steckbrief: ? Colin Kaepernick (32)

NFL-Karriere: San Francisco 49ers (2011—2016)

Geworfene Touchdowns: 72

Spiele: 69

Höhepunkt: Super Bowl (2013); Niederlage gegen Baltimore Ravens. In der Saison ersetzte Kaepernick den verletzten QB Alex Smith ab Mitte der Saison.


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