Ein fesselndes Himmelfahrtskommando

Starkomiker Michael Palin zeichnet den Lebenslauf des mythenumrankten Expeditionsschiffes „Erebus“ nach.

Michael Palin wurde als Mitglied von Monty Python weltberühmt. Mit „Erebus“ zeigt sich der studierte Historiker als packender Erzähler.
© imago

Innsbruck –1845 stach der britische Admiral Sir John Franklin mit zwei Schiffen in See, um die Nordwestpassage – den mythenumrankten kurzen Seeweg nach Asien – zu suchen. Doch etwas lief grauenhaft schief. Nur vier Mann der ursprünglich 133-köpfigen Besatzung überlebten. Franklin selbst, das weiß man aus Dokumenten, die in der kanadischen Arktis gefunden wurden, starb im Juni 1847. Und von den Schiffen – der „Erebus“ und der „Terror“ – fehlte jede Spur. Bis 2014. Da wurde das Wrack der „Erebus“ vor der kanadischen Küste aufgespürt. Zwei Jahre später gelang es auch, die „Terror“ zu lokalisieren. Gelöst ist das Rätsel der Franklin-Expedition dadurch nicht. Literarisch bearbeitet wurde das maritime Himmelfahrtskommando bereits mehrfach. Sten Nadolny beispielsweise machte John Franklin zum Protagonisten seines vielbeachteten Romans „Die Entdeckung der Langsamkeit“.

Die Entdeckung der „Erebus“ war es denn auch, die Michael Palin, der als Mitglied der legendären Komikertruppe Monty Python berühmt wurde und sich seit Jahren auch als Reisejournalist einen Namen erarbeitet hat, sich mit zum Anlass nahm, die Biografie des legendären Schiffes zu ­erzählen.

Dahinter darf man durchaus auch britisches Pflichtbewusstsein vermuten: Der studierte Historiker Palin war von 2009 bis 2012 Präsident der „Royal Geographical Society“. Seinem Buch „Erebus. Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See“ ist allerdings alle akademische Leb- und Lustlosigkeit fremd: Palin versteht es, seine umfangreichen, aber nie erschöpfenden Recherchen in kraftvolle Prosa zu fassen. Bisweilen, aber durchaus diskret, blitzt in manch trockener Sentenz sogar der Komiker durch.

Trotzdem: Ein komisches Buch ist „Erebus“ nicht. Packend zeichnet Palin den Lebenslauf des Schiffes nach, das 1826 vom Stapel lief – und zunächst nur eines unter vielen der royalen Flotte war, weder besonders groß noch besonders wendig. Anschaulich wird vom Routinedienst berichtet, von beschaulichen Fahrten auf dem Mittelmeer („um die Türken zu nerven“) – und vom schrittweisen Umsatteln zum Expeditionskreuzer. 1839 segelt die „Erebus“ erstmals ins Polargebiet. Zunächst ins südliche. Mit diesem Einschnitt nimmt auch Palins Erzählung an Fahrt auf, aus Tagebüchern und anderen zeitgenössischen Quellen rekonstruiert er den Alltag an Bord. Bisweilen glaubt man, Wind und Wellengang beinahe spüren zu können. Später kommen Einsamkeit, todbringende Kälte und mörderische Verzweiflung dazu. Kurzum: „Erebus“ ist eine beeindruckende (Abenteuer-)Erzählung. (jole)

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Sachbuch Michael Palin: Erebus. Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See. Aus dem Englischen von Rudolf Mast. mareverlag, 352 Seiten; 28,80 Euro.


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