Teestube in Wörgl wurde um kleine „Notschlafstelle“ erweitert

Vier Betten stehen im Haus der Wörgler Teestube für Übernachtungen bereit. Es gab bereits einige Gäste – entgegen den Erwartungen der Skeptiker.

Die Teestubenleiter Mario Wudl (l.) und Marion Klessig (2.v.r.) sammelten wertvollen Input bei den Leitern der Kufsteiner Notschlafstelle, Bernhard Kapfinger (2.v.l.) und Betreuer Ewaz Shockri.
© Wudl

Von Jasmine Hrdina

Wörgl –So weit nach unten ist das Thermometer im heurigen Winter zwar noch nicht gepurzelt, zum Frieren hat es aber schon gereicht. Und dann wäre da ja noch die soziale Kälte. Menschen, die nicht mehr wissen, wohin sie sich in ihrer Not wenden sollen, finden seit Anfang Dezember in der Wörgler Teestube eine Anlaufstelle. Die Einrichtung am Madersbacherweg 24 wurde, wie berichtet, aus einer privaten Initiative heraus gegründet und innerhalb von zwei Wochen umgesetzt.

Fünf Personen haben das neue Angebot bereits in Anspruch genommen und sich in der Stube mit Tee und einer warmen Mahlzeit gestärkt, berichtet Stubenleiter Mario Wudl. Zwei weitere Hilfesuchende wurden in der Notschlafstelle betreut, die man in den vergangenen Tagen noch fertig gestellt hat. „Derzeit haben wir vier Klappbetten. Sollten wir Männer und Frauen haben, werden diese in verschiedenen Räumen aufgestellt“, erklärt Wudl.

Eine Trennung oder der spontane Verlust der Arbeitsstätte mitsamt Unterkunft – die Schicksale sind unterschiedlich. „Manche Besucher schütten ihr Herz aus, andere wollen nicht reden“, schildert Wudl seine Erfahrungen. Er selbst hat keine Ausbildung als Sozialarbeiter, die persönlichen Lebensgeschichten gehen ihm teilweise sehr nahe. „Man fragt sich schon, wie es so weit kommen konnte. Aber ich urteile nicht über diese Menschen. Ich kenne ja nur einen Teil der Geschichte.“

Seit Kurzem gibt es auch eine Notschlafstelle im Teestuben-Haus.
© Wudl

Für den Initiator Roland Ponholzer ist der Andrang der ersten Tage, an denen das Wetter verhältnismäßig freundlich war, „eine absolute Bestätigung, dass wir so eine Einrichtung notwendig haben“. Er sei überwältigt von dem Engagement der hiesigen Firmen, Einsatzorganisationen und karitativen Einrichtungen. „Es ist ja auch rechtlich eine diffizile Situation, da sind wir sehr froh, dass wir mit anderen Vereinen zusammenarbeiten können“, erklärt Ponholzer. Die Mitarbeiter der Teestube Schwaz statteten den Wörglern bereits einen Besuch ab. Das hiesige Teestuben-Team wiederum schaute bei den Kollegen der Kufsteiner Notschlafstelle vorbei.

Dort setzt sich Notschlafstellenleiter Bernhard Kapfinger bekanntermaßen seit vielen Monaten für die Errichtung eines Zufluchtsortes während des Tages ein. Durch die Eröffnung der Wörgler Teestube habe sich nun auch in Kufstein „die Gesprächsbereitschaft verbessert“, so Kapfinger. „Seine“ Teestube solle der versteckten Armut entgegenwirken. „Ich stelle mir vor, man könnte dort Mittagessen für einen symbolischen Euro anbieten. Es gibt genug Menschen, die haben zwar eine Wohnung, aber wissen nicht, wie sie ihre nächste Mahlzeit finanzieren sollen. Oder manche können sich keine eigene Waschmaschine leisten und wären froh um eine Waschmöglichkeit.“

Vor Beginn des Projekts gab es Kritiker, die den Bedarf an einer Notschlafstelle im Bezirk bezweifelten. Die Zahlen sprechen nun für sich: Aktuell betreue man zwischen sechs und sieben Personen pro Nacht. Entgegen vielen Vorurteilen sind zwei Drittel davon Österreicher, so Kapfinger.

Auch in Wörgl gibt es Zweifler. An der Teestube operativ beteiligen will sich die Gemeinde nicht. BM Hedi Wechner bezeichnete die Initiative in einer Mail an Ponholzer zwar als „gute Sache“, doch es gebe „keine Obdachlosen, die betreut werden müssen“. Klaus Ritzer vom stadtnahen Verein komm!unity sicherte jedoch bei einem Lokalaugenschein die Unterstützung des Vereins zu, „etwa in Form der mobilen Jugendarbeit“. Zentrale Aufgabe des Vereins sei das Thema Obdachlosigkeit nicht, „aber wir werden nach dem Winter bilanzieren und schauen, ob und wo wir helfen können“.

15 freiwillige Mitarbeiter wechseln sich in der Teestube derzeit ab, um die täglichen Schichten von 16 bis 19 Uhr abdecken zu können. Nudeln mit Tomatensauce, Eintopf oder eine Suppe – eine einfache, warme Speise steht immer bereit. Und das wird auch am Heiligen Abend und in der Silvesternacht so sein. Schließlich richtet sich das Schicksal weder nach dem Kalender noch nach Temperaturen.


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