Moculescu: „Besser als der Kovac hätte ich es auf alle Fälle gemacht“

Wie Deutschlands erfolgreichster Volleyballtrainer Stelian Mocuelscu Millionäre machte, was er von Beachvolleyball und Tirols Alpenvolleys hält, warum er einst aus Rumänien flüchtete und er keine seiner Aussagen bereut.

Trainer Stelian Moculescu lacht auch mal mit den Beachvolleyballern Moritz Pristauz und Martin Ermacora.
© Foto TT/Rudy De Moor

Innsbruck – Eigentlich hat sich Stelian Moculescu (69) nach seinem 20. deutschen Meistertitel 2018 vom Volleyballsport zurückgezogen. Mit den Beachvolleyballern Martin Ermacora und Moritz Pristauz behält der Deutsche aber doch zwei Schützlinge. Ein Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

Sie gelten als strenger Trainer, schreien Sie mitunter?

Stelian Moculescu: Ich bin sehr anspruchsvoll und streng in dem Sinn, dass ich weiß, was ich zu tun habe. Das hat bei meinen rund 400 ehemaligen Spielern funktioniert. Ich weiß, wie man gewinnt. Wenn irgendwer kommt, der mir die Welt erklären will, dann habe ich ein Problem. Als ich als Trainer anfing, fuhr ich oft nach Italien, das war lange der Nabel der Volleyballwelt. Ich wollte immer von denen lernen, die es können. Jene, die hinter mir sind, interessieren mich nicht. Schreien war aber nie Option für mich und ist kein gutes Zeichen. Ich kann meinen Ton so variieren, dass die Spieler wissen, wann es ernst ist und wann Spaß. Das ist eine Gabe und die Wirkung ist evident und das ist der Vorteil der Kinder, dass sie das merken.

Sie bezeichnen Ermacora/Pristauz als Ihre Kinder?

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Moculescu: Ja. Sie könnten ja meine sein. Meine Enkelkinder sind ja fast so alt wie die beiden. Es macht mir immer Spaß mit ihnen zu arbeiten, weil sie unsere Arbeit auch annehmen. Ein Spieler erkennt ja recht schnell, ob er einen Benefit von deiner Arbeit hat oder nicht. Du musst erkennen, wo er am schnellsten was lernen kann, wo er besser werden kann, so dass er Vertrauen zu dir gewinnt. Wenn er das hat, dann gehört er dir. Dann macht er vielleicht etwas, was ihm nicht so passt. Es ist der beste Weg, das Vertrauen des Spielers zu gewinnen, dass er sich überwindet. Es ist eine Kunst, das Beste rauszuholen. Manchmal sagst du auch, dass etwas gut war, obwohl es das gar nicht war, aber zumindest besser als vorher war. Ich habe Spieler zu Millionären gemacht, von 0 auf 100 – das war immer meine Vistenkarte. Du kannst nicht irgendwas tun, was dann nicht funktioniert und dann dem Spieler irgendetwas erzählen. Wenn er merkt er kommt nicht weiter dan hast du verloren. Deshalb scheitern auch so viele Trainer.

Streng sei er nicht, aber anspruchsvoll, sagt der Meistermacher.
© Foto TT/Rudy De Moor

Wäre auch der FC Bayern München für Sie als Trainer interessant gewesen?

Moculescu: Wenn ich Fußballer gewesen wäre, bestimmt. Besser als der Kovac hätte ich es auf alle Fälle gemacht. Ich denke, ein Trainer muss eine Persönlichkeit sein, eine natürliche Authorität, wie etwa Heynckes, Klopp oder Guardiola. Bei ihnen haben die Spieler funktioniert und das hatte einen Grund: Sie wurden besser. Es hat also etwas mit Führung zu tun. Es ist ein Theater-Ensemble. Du musst den Spielern Rollen geben, wissen wie du mit den Großen und den Kleinen umgehst und auch mit jenen, die auf der Bank sitzen. Das ist schwierig, das musst du können, das ist Menschenführung. Manchen haben es in sich, manche versuchen, es zu lernen und es braucht dabei viel Empathie für die Menschen.

Woran arbeiten Sie nun mit Ermacora/Pristauz?

Moculescu: Im Vordergrund steht, die Technik zu verbessern, nicht nur dahingehend haben die beiden viel Potenzial. Kleine Defizite, die wir versuchen zu optimieren, alles andere machen sie selbst. Ich bin dazu da, ihr technisches Repertoire zu erweitern, ihnen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, ihnen zu lernen, wie sie sich unterwegs auf dem Spielfeld helfen können. Wenn ihnen das gelingt, sind wir schon einen Schritt weiter.

Sie gewannen viele Titel. Kann man das Siegen von Ihnen lernen?

Moculescu: Das Wichtigste für die beiden ist, dass sie mehr lernen, mehr wissen müssen. Sie brauchen Lösungen, um stressfreier spielen zu können. Mit leichtem Stress kommen sie schon gut zurecht. Man muss Schlüssel haben, um erfolgreich zu sein, wie wenn man in einen Raum geht. Je mehr Schlüssel, desto besser. Wenn du erkennst, dass es irgendwo nicht weitergeht, brauchst du andere Möglichkeiten. Volleyball ist keine Sportart wie Fußball, wo man den Gegner foulen kann, sondern eher wie Florettfechten. Mein Problem bin ich - nicht der Gegner. Wenn ich mit mir Probleme habe und der andere dann auch noch welche macht, wird es stressig. Dann braucht es eben Lösungen. Das Schönste ist, dann das Lachen in den Gesichtern der Spieler zu sehen, wenn sie gewinnen.

Zur Person Stelian Moculescu

geboren: 6. Mai 1950 in Kronstadt (ROM);

Nationalteam-Volleyballer, 1972 Flucht nach Deutschland, Nationalteamspieler und -trainer;

Stationen als Trainer: u. a. Vfb Friedrichshafen, Tyrolia Wien, zuletzt Berlin Recycling Volleys und ÖVV-Beachvolleyball.

Erfolge als Spieler: rumänischer und dt. Meister (1968, 1975), Olympia-Fünfter 1972 (ROM), 2x dt. Pokalsieger;

Erfolge als Trainer: Universiade-Sieger 1999; EM-5. 2007 (GER), Champions-League-Sieger 2007, 2x Zweiter, 1x Dritter; 19x dt. Meister; 19x dt. Pokalsieger; 3x österr. Meister, 2x österr. Pokalsieger (Spielertrainer).

Sieht man Sie vielleicht auch einmal auf der Donauinsel in der Menge jubeln?

Moculescu: Sicher nicht. Ich sitze lieber irgendwo oben und trinke einen Kaffee, meine Welt ist das nicht.

Hätten Sie als Volleyballer auch gerne so viele Zuseher erlebt?

Moculescu: Ach, ich hatte auch viele. Aber es ist toll, das machen die wirklich gut. Wien ist aber die Ausnahme, das am besten organisierte und funktionierende Turnier. Hamburg ist auch gut und Gstaad ebenfalls, dann kommt aber schon gar nichts. Die Zuschauerzahlen sind eher überschaubar - mit Ausnahme der drei Turniere eben. Beachvolleyball war immer in den Ländern stark, in denen es in der Halle keine gute Liga gab, wo wenig Geld zu verdienen war. Dort gingen die Spieler auf den Beach. Jetzt hat sich das verändert. Polen, Russen, auch die Italiener kommen jetzt. Beachvolleyball verbreitet sich als Marke, weil man Medaillen gewinnen kann. Früher war die Schweiz top, das wird nun schwieriger, weil jetzt die Konkurrenz aus Volleyballländern kommt.

Ist die Arbeit am Sand eine andere als in der Halle?

Moculescu: In meinen Augen bleibt die Arbeit die gleiche. Viele erzählen was anderes. Ich bin der Meinung, wenn es in der Halle funktioniert, dann funktioniert es auch am Sand und umgekehrt. Der Boden ist leicht anders und auch der Einfluss von Wind und Sonne ist da. Aber der Aufschlag ist gleich, die Annahme, der Block - einzig das obere Zuspiel ist etwas unterschiedlich, gleicht sich aber mittlerweile auch fast aus.

Was halten Sie vom Antreten der Tiroler Alpenvolleys in der deutschen Bundesliga?

Moculescu: Ich denke, für die deutsche Liga ist es gut. Ob das für Österreich gut ist, weiß ich nicht. Nachdem die Wiener hotVolleys verschwunden sind, ist jetzt der zweite Leuchtturm weg. Und man weiß ja noch nicht, wie es weitergeht, wenn jetzt die drei Jahre ablaufen. Ob man dann nur in Österreich spielt? Wenn sie nur in Deutschland spielen können, macht es jedenfalls keinen Sinn. Eines ist klar, Europapokal werden sie in Innsbruck aber nie spielen. Das lässt die CEV nicht zu, damit wäre ein Tor für alle geöffnet. Dann würden vielleicht die Belgier in Frankreich spielen und so weiter. Wenn es den Tirolern gelingt, dass sie zumindest die Bundesligaspiele in Innsbruck bestreiten können, wäre es eine Möglichkeit.

War es irgendwann Thema, Trainer von Hypo Tirol zu werden?

Moculesu: Nie. Ich wollte als Trainer mit dem deutschen Meistertitel aufhören. Das ist mir mit Friedrichshafen nicht mehr gelungen. Ich hatte dann die Zeit nicht mehr dazu, ich habe 26 Titel gewonnen und die Champions League dazu. Ich bin mir sicher, dass das niemand mehr gewinnt in Deutschland, Das bleibt ein Alleinstellungsmerkmal. Zum Glück kam das Angebot aus Berlin und ich konnte meine Laufbahn mit der Meisterschaft beenden, die ich dann mit Berlin in Friedrichshafen gewonnen habe. Und es wäre auch nicht meine Aufgabe gewesen, mich in Innsbruck anzubieten.

Beim Training hat er seine "Kinder" ganz genau im Blick.
© Foto TT/Rudy De Moor

Sie sind als Spieler 1972 bei den Olympischen Spielen in München aus Rumänien geflohen. Wie sehen Sie die heutige Situation mit Flüchtlingen?

Moculescu: Da bin ich relativ klar: Ich hab volles Verständnis für Vieles. Alle Menschen haben Rechte, aber es gibt auch Pflichten, dazu gehört vor allem die Sprache zu lernen. Das halte für das allerwichtigste, nur so kann Integration funktionieren. Ich musste auch Deutsch lernen, die Art und Weise, wie die Menschen hier leben, akzeptieren. Ich konnte nicht alles machen, was in Rumänien üblich war. Es gibt Regeln und Verhaltesweisen, an die muss man sich halten. Das kann ich sagen, weil ich das alles selbst mitgemacht habe. Ich denke, wenn diese Anpassung nicht funktioniert, gibt es große Probleme. Man darf auch nicht vergessen, dass früher Flüchtlinge aus dem Ostblock kamen, also aus Europa. Jetzt kommen die Leute aus einer völlig anderen Welt. Dass sie dann ihre Welt hier leben, das wird nicht funktionieren. Anpassung funktioniert nach wie vor über die Sprache. Wenn ich die Leute nicht zwinge – und das betone ich auch – wird es auch nicht klappen.

Wie schwierig war ihre Flucht damals?

Moculescu: Schon schwer. Meine Mutter hatte dann mit Represalien zu kämpfen. Aber es war in Rumänien nicht so schlimm wie in der DDR. Nach zwei Monaten war das wieder vorbei. Ich bin jedenfalls in Abwesenheit zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden, nach einigen Jahren gab es aber eine Amnestie. 1975 war ich dann schon deutscher Nationalspieler, später auch Kapitän.

Was waren ihre Beweggründe für die Flucht?

Moculescu: Ich wollte einfach weg. Meine Eltern waren deutschstämmig und wollten auch immer nach Deutschland. Einer musste den Anfang machen. Dem Sozialismus und den linken Gedanken konnte ich noch nie etwas abgewinnen. 80 Prozent waren gleich, in dem dass sie nichts hatten und 20 Prozent hatten immer alles. Das ist der Sozialismus, das ist auch der Nationalismus. Mein Großvater hat immer gesagt, dass alles was mit „ismus“ endet, nicht gut ist.

Als Mannschaftssportler waren Sie es gewohnt, sich anzupassen.

Moculescu: Natürlich. Du musst deine Individualität in den Dienst deiner Mannschaft stellen. Es geht nicht, dass du einen auf großer Meister machst. Das funktioniert nicht.

Haben Sie als Trainer immer deutsch gesprochen?

Moculescu: Ich hatte das Glück, schon ein paar Sprachen zu können. Bei uns können im Vergleich zu anderen Ländern sehr viele Leute auch englisch. Es war normal, dass dann Spieler kein Deutsch gelernt haben. Als die selben dann nach Italien gingen, konnten sie zwei Monate später italienisch, weil dort niemand englisch sprach. Ich mag jedenfalls die deutsche Sprache und versuche sie auch zu pflegen. Es braucht nicht immer Anglizismen.

Volleyball müsse seinen Hallenmief ablegen, sagten Sie einst. Ist das gelungen?

Moculescu: Wir sind auf einem guten Weg, wenn man sieht, dass bei einer EM 15.000 Zuschauer in der Halle sind. Der Volleyball steht sich aber selbst oft im Weg. Er ist medial schlecht vertreten, wir verkaufen uns schlecht. Es liegt an vielen Dingen, wie etwa auch, dass es ein Sammelsurium an Regeländerungen gab, dass sich die Leute nicht mehr auskennen. In Brasilien wird beispielsweise anders gezählt, Netzberührung sind erlaubt und dann wieder nicht... Änderungen, die nur gemacht wurden, damit das Fernsehen kommt und das Fernsehen ist nicht gekommen. Tennis wird auch übertragen, obwohl manchmal fünf und manchmal zwei Stunden gespielt wird und kein Mensch weiß, wann das Spiel zu Ende ist. Selbst, wenn ein Volleyballspiel eine Stunde und eine Minute dauern würde, gibt es nicht mehr TV-Zeiten. Und dafür hat man relativ viele Sachen geopfert.

Sie sorgten immer wieder mit Aussagen für Aufregung. Bereuen Sie heute Dinge, die sie gesagt haben?

Moculescu: Ich habe immer gesagt, was ich denke. Eine Meinung kann man aber auch ändern, die ist nicht in Stein gemeißelt. Als ich nach Deutschland, kam hat man zwei Mal pro Woche trainiert, das war Hobbysport. Ich war der Erste, der fünf Mal pro Woche trainiert hat, am Tag vor dem Spiel angereist ist und zwei Mal täglich in der Halle stand. Als ich Deutschland als Trainer übernommen habe, waren wir die Nummer 45 der Welt, als ich aufhörte unter den besten 10. Ich habe Deutschland nach 36 Jahren zu Olympischen Spielen geführt. Da habe ich gegen sehr viel Widerstand kämpfen müssen. Das hat nicht jedem gefallen, da habe ich vielleicht den ein oder anderen vor den Kopf gestoßen. Vielleicht habe ich da eine gewisse Ähnlichkeit mit Peter Kleinmann (Anm. ehemaliger ÖVV-Präsident). Meine Meinung ist: „Mach es besser, dann schau ich zu dir.“

Kann man Ihren Siegeswillen lernen?

Moculescu: Ich denke, das ist hauptsächlich Erziehungssache. Ich bin froh, dass ich in Rumänien so erzogen wurde. Wir haben uns vor den Matches nicht mit dem Gegner unterhalten, auch wenn wir befreundet waren, nachher aber sehr gern. Es kann nur einer gewinnen, der Zweite ist immer der erste Verlierer. Wir waren geil aufs Spielen und den Wettkampf und uns dabei immer kleine Wetten ausgespielt. Als ich damals nach Deutschland kam, habe ich mir Gedanken gemacht, wie man es besser machen kann. Ich war ein Autodidakt und das Spiel habe ich dann organisiert, wurde vom Angreifer zum Aufspieler. Ich wollte einfach gewinnen, da war es mir auch wurscht, wenn ich einem auf die Füße getreten bin. Ich wollte jedes Spiel gewinnen, falls ich trotzdem verloren habe, habe ich alles getan dass es beim nächsten Mal anders ist. Das ist eine Einstellung, verlieren war schmerzvoll für mich und ich mag keine Schmerzen.

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer-Dampf


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