„Samson et Dalila“ im Landestheater: Die Kraft der Liebe geopfert

Französische Oper in Originalsprache: „Samson et Dalila“ glanzvoll besetzt unter Kerem Hasans Leitung am Tiroler Landestheater vom Publikum gefeiert.

Oper konzertant im Großen Haus des Tiroler Landestheaters. Der Zuhörer hat, mit Saint-Saëns’ prachtvoller Musik unmittelbar live im Ohr und vor sich, bald seine ureigenen Bilder zur Geschichte von „Samson und Dalila“ im Kopf.
© TLT/Larl

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Von Camille Saint-Saëns’ 13 Opern setzte sich nur „Samson et Dalila“ durch – ausgerechnet jenes Werk, das ursprünglich als alttestamentarisches Oratorium konzipiert war. Das ist durchwegs manifest, und wo der oratorische Gestus aufgebrochen ist, erhöht sich die emotionale Temperatur.

Der vom Librettisten Ferdinand Lemaire zur Oper gedrängte Komponist wandte sich, wie es der französischen Oper um 1870 entsprochen hätte, weder der sentimentgetränkten Poesie der opéra lyrique noch dem Pathos der grand opéra zu. Auch die unterstellte Wagner-Nähe ist zu widerlegen. Saint-Saëns legte in kompromissloser Eigenständigkeit reichen Ausdruck in eine lebendige, farbsprühende Musik, die die Szene, im Grunde lebende Bilder, immer einholt. Ein Fall für eine konzertante Aufführung.

Die Geschichte: In einem langen, noch etwas akademischen Eröffnungschor beklagen die Hebräer in Gaza die Unterdrückung durch die Philister. Der unbesiegbar kraftvolle Samson motiviert sie zum Befreiungskampf.

Die schöne Dalila wird vom Oberpriester der Philister gedrängt, Samson zu verführen, sein Geheimnis zu entdecken und ihn auszuliefern. Der Plan gelingt, Dalila schneidet Samsons Haar ab, in dem seine Kraft – seine Identität – liegt. Die Philister blenden und verhöhnen ihn. Da gibt Gott Samson noch einmal seine Kräfte zurück. Er zerstört den Tempel, der über den Philistern zusammenstürzt.

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Konzertante Aufführungen (ohne Inszenierung) haben Tradition in Tirol. Ex-Intendantin Brigitte Fassbaender pflegte sie jährlich am Landestheater. Das atmende Orchester auf der Bühne, der steil aufragende Chor dahinter, davor die Sänger und der alles sinnvoll fügende Dirigent zoomen das Publikum nahe heran, erhöhen ohne szenische Ablenkung dessen akustische Aufnahmefähigkeit und setzen seine Phantasie in Bewegung. Bei der französischsprachigen Aufführung im Landestheater unterstützt der mitlaufende deutsche Text das inhaltliche Verständnis und dezente Lichtgestaltung die Stimmung.

Kerem Hasan am Pult des nach kurzer Anlaufzeit sehr präsenten Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck gestaltet die Musik wie ein Maler mit breitem und doch sehr präzisem Pinsel, mit großartigem Sinn für die Dramaturgie, die er hier mit keinem Regisseur teilen muss. Der oratorische Charakter wird nicht aufgedonnert, die dramatischen Szenen erhalten geradezu Sprengkraft in ihrer geschickt aufgebauten Spannung.

Und in der zentralen Liebesszene, in die Samson mit seinem Liebesgeständnis und Dalila mit der bekannten Arie „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ (wörtlich „Mein Herz öffnet sich deiner Stimme“) geht, leuchtet die französische Romantik auf dem Höhepunkt.

Das Orchester klingt größer, als es besetzt ist, und Hasan nimmt Saint-Saëns’ Angebot an, durch mangelnde in­strumentale Verdoppelung erreichte Transparenz auch im leidenschaftlichen Ausbruch zu wahren. Im Bacchanale, das der Dirigent wie die Vor- und Zwischenspiele symphonisch ausreizt, mischt sich kulminierend die europäische und orientalische Farbigkeit.

Viktor Antipenko kann als Samson seinen kraftvoll spiegelnden, aber auch zu verhaltenen Tönen fähigen aufstrahlenden Tenor ohne darstellerische Einschränkungen einsetzen. Nadia Krasteva bringt für die Dalila ihren an großen Häusern erprobten sinnlich dramatischen Mezzosopran und für die Verführung ein wenig tänzerische Gestik mit. Iwan Krutikow zeigt als Oberpriester der Philister einen schönen Bariton, den er in der Auseinandersetzung mit Dalila autoritärer einsetzen könnte. Unnsteinn Árnasons klangvoller Bass fällt als Abimelech auf. Die kleineren Partien sind rollendeckend mit Jerzy Kasprzak, Esewu Nobela, Junghwan Lee und Julien Horbatuk besetzt.


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