30 Jahre rumänische Revolution: Weihnachtsfest im Kugelhagel

Rumänien war einer der letzten Ostblock-Staaten, die im Jahr 1989 die Wende vollzogen haben. Der Umsturz verlief äußerst blutig. Langzeit-Diktator Nicolae Ceausescu wurde Weihnachten vor 30 Jahren hingerichtet.

Quer durch ganz Rumänien erhoben sich Ende Dezember 1989 die Menschen. In der kleinen Stadt Denta zogen am 22. Dezember Karawanen von Demonstranten durch die Straßen.
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Von Benedikt Mair

Bukarest – Die Unzufriedenheit der Bevölkerung Rumäniens mit dem Regime von Diktator Nicolae Ceausescu hatte sich seit Anfang der 1970er-Jahre allmählich aufgestaut und Ende der 80er-Jahre (mehr dazu im Artikel unten) einen Höhepunkt erreicht. Im Dezember 1989 eskalierte die Lage, die einzige blutige Revolution in einem Ex-Ostblock-Staat nahm ihren Lauf.

Auch Militärs (ein Panzer am Bukarester Flughafen) nahmen teil.
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Das 30-Jahr-Jubiläum der Wende begeht Rumänien dieser Tage in der Erkenntnis, dass der Kampf um Demokratie, Rechtsstaat und Bürgerrechte noch längst nicht beendet ist. Darauf verwies jüngst auch Staatspräsident Klaus Johannis bei einem Festakt im Parlament von Bukarest aus Anlass der Jahrestage der rumänischen Revolution rund um Weihnachten.

Johannis erinnerte daran, dass es auch in den vergangenen Jahren erneut der zähe Widerstand der Menschen gewesen sei, an dem „die verzweifelten Versuche einiger Politiker, eine Lügenkultur zu etablieren und europäische Werte mit den Füßen zu treten“, letztlich gescheitert sind. Die Bürger, die vor dreißig Jahren dem Kugelhagel der Schergen des kommunistischen Regimes getrotzt haben, hätten „den Weg vorgegeben, von dem wir nicht abkommen dürfen“.

Selbst am 24. Dezember wurde, etwa in Bukarest, gekämpft.
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Insgesamt starben bei der blutigen Wende im Jahr 1989 1104 Menschen, mehr als 3500 wurden verletzt. Ihren Anfang nahm sie am 16. Dezember in der westrumänischen Großstadt Timisoara, wo die vom kommunistischen Regime angeordnete Zwangsumsiedlung des regimekritischen ungarisch-reformierten Pastors László Tökes zu ersten Demonstrationen geführt hatte. Binnen weniger Tage breiteten sich die Anti-Regime-Proteste wie ein Lauffeuer auf immer mehr Landesteile und bis nach Bukarest aus und führten schließlich am 22. Dezember zum Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu, der mit seiner Ehefrau Elena aus der brodelnden Hauptstadt floh.

Bloß drei Tage später, am 25. Dezember 1989, wurden der inzwischen festgenommene 71-jährige Gewaltherrscher und seine Frau nach einem Scheinprozess hingerichtet. Trotz ihrer Hinrichtung dauerten allerdings in mehreren Städten, insbesondere in Bukarest, verheerende Schusswechsel bis zum 27. Dezember an, denen insgesamt 942 Menschen zum Opfer fielen – sechsmal mehr als im Zeitraum bis zum 22. Dezember. Weshalb und vor allem auf wessen Befehl hin nach der Hinrichtung des Diktatoren-Paars weiter auf die schutzlose Bevölkerung geschossen wurde, ist bis zum heutigen Tag nicht eindeutig geklärt und erwiesen.

Anlässlich eines Besuchs in Timisoara stellte Staatschef Johannis daher vor einigen Tagen klar, dass die verschleppte Aufarbeitung der blutigen Wendeereignisse die „größte Schande“ des postkommunistischen Rumäniens sowie ein wahrer „Prüfstein“ für das Justizsystem des Landes sei. Er empfinde „tiefste Scham“ angesichts der Tatsache, dass „die Henker von damals auch heute noch größtenteils frei und ungestraft sind“, ­sagte Staatspräsident Johannis. (bfk, APA)

Chronologie

17. Dezember 1989: Unruhen brechen in Timisoara im Westen Rumäniens wegen der Zwangsumsiedlung des regimekritischen Geistlichen László Tökes aus.

21. Dezember 1989: Die Unruhen greifen auf Bukarest über.

22. Dezember 1989: Umsturz in Bukarest; das Diktatoren-Ehepaar Nicolae und Elena Ceausescu flieht. Die Macht übernimmt die „Front zur Nationalen Rettung“.

25. Dezember 1989: Das Ehepaar Ceausescu wird hingerichtet.

26. Dezember 1989: Der „Rat der Front zur Nationalen Rettung“ wird eingesetzt. Ion Iliescu wird Vorsitzender und provisorischer Staatschef.

1. Jänner 1990: Iliescu verkündet die Abschaffung der Todesstrafe und löst die Geheimpolizei Securitate auf.

12. Jänner 1990: In Bukarest gibt es erste Massenproteste gegen die neue Führung. Ein Verbot der Kommunistischen Partei wird verkündet, kurz darauf aber widerrufen.

18. Februar 1990: Hunderte Regimegegner stürmen den Regierungssitz und verlangen einen Machtverzicht Iliescus.

22. April 1990: Die Opposition fordert ein Ende Iliescus und damit der kommunistischen Machtausübung. In Bukarest wird protestiert.

20. Mai 1990: Erstmals nach 50 Jahren gibt es freie Wahlen. Die Front des Ex-Kommunisten Ion Iliescu siegt.

Ein Revolutionär winkt der jubelnden Menge zu.
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Die Securitate ständig im Nacken

Bukarest – Getreu dem Motto, dass mit Humor alles leichter zu ertragen ist, machten sich Anfang der 1980er-Jahre viele Rumänen über Nicolae Ceausescu und sein kommunistisches Regime lustig, sagt Radu Filipescu. Er, Jahrgang 1955, war aber der Überzeugung, dass Witze allein nicht reichen würden. Also wurde der damals frischgebackene Absolvent der Bukarester Universität aktiv.

Im Keller der Eltern druckte er Flugblätter. „10.000 waren es sicher“, erinnert sich Filipescu. Mit einem Freund habe er sie im Jänner 1983 dann in Briefkästen geworfen, zu einer großen Kundgebung aufgerufen – zu der dann, außer ihm, niemand kam. Nur die Aufmerksamkeit des Sicherheitsapparats des Ceausescu-Regimes hatte er damit auf sich gezogen. Die Securitate, der gefürchtete rumänische Geheimdienst, hatte ein Auge auf ihn geworfen. Und so kam es, wie es kommen musste. „Sie waren gut darin, dich zum Opfer zu machen. Im Mai wurde ich verhaftet und gemeinsam mit 30 anderen politischen Gefangenen zu zehn Jahren Haft verurteilt.“

Diktator Nicolae Ceausescu wurde im Dezember 1989 gestürzt.
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Drei Betten rechts, drei links, im Winter unerträglich kalt. In einer wenige Quadratmeter großen Zelle in Transsilvanien saß Filipescu ein, besorgt darüber, was wohl mit ihm geschehen werde. „Aber noch mehr Angst hatte ich vor dem, was meiner Familie passieren könnte.“ Die aber setzte sich für ihn ein, kontaktierte ausländische Hilfsorganisationen, ließ nicht locker. Mit Erfolg, denn nach drei Jahren im Gefängnis kam Radu Filipescu frei.

Und machte dort weiter, wo er aufgehört hatte. „Für mich war das einfacher als für andere, weil ich schon als Dissident bekannt war.“ Er propagierte ein Ende der sozialistischen Gesellschaft, rief zu einem Referendum gegen das Regime auf. „Am 12. Dezember 1987 wurde ich wieder verhaftet“, erzählt Filipescu. „Und weil ich nicht über meine Familie oder Mitstreiter auspacken wollte, begannen sie mit der Folter.“ Er dachte sich Geschichten aus, bekam erneut Hilfe aus dem Ausland und wurde daher auf freien Fuß gesetzt. Von da an aber auf Schritt und Tritt verfolgt. „Fünf bis zehn Typen waren ständig hinter mir her. Die Männer der Securitate, die mich überwachten, waren Teil meines Lebens.“ Seine Begleiter narrte er, lief davon, versuchte sie mit dem Fahrrad abzuhängen. An dieses Spiel gewöhnte er sich, nahm es hin.

Dann, im Dezember 1989, kam die Befreiung – für Rumänien und auch für Radu Filipescu. Auf die Straße sei er gegangen, habe nachts im Fernsehen den Prozess gegen Diktator Ceausescu verfolgt. „Ihn zu erschießen, war die einzige Möglichkeit, die wir hatten. Für mich gibt es genug Punkte, die mir sagen, dass diese Strafe gerecht war.“

Sieht er sich heute, 30 Jahre danach, als Held? Als großer Revolutionär? Er, der heute ein kleines Unternehmen in Bukarest besitzt, verneint. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein großes Opfer gebracht habe. Andere waren 40 Jahre lang im Gefängnis.“


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