Die gute Geschichte: Pflege für Sohn (43) — 24 Stunden, 365 Tage im Jahr

Rosemarie Weninger aus Götzens pflegt seit 43 Jahren ihren schwer behinderten Sohn. Für den letzten Teil der „guten Geschichten in der Adventzeit“ erzählte die Tirolerin aus ihrem Alltag.

Halten zusammen: Rosemarie Weninger mit Tochter Gabi und Sohn Martin.
© Suitner

Götzens –Bei seiner Geburt litt Martin unter Sauerstoffmangel. Die ersten vierzehn Tage seines Lebens verbrachte er auf der Intensivstation und wurde beatmet. Immer wieder hatte er Herzstillstände und wurde „zurückgeholt“. Niemand konnte seiner Mutter Rosemarie Weninger anfangs sagen, welche Schäden dadurch entstanden sind: „Erst nach sechs Jahren war klar, dass Martin zu 100 Prozent behindert ist. Die Ärzte sagten mir, dass es besser gewesen wäre, wenn er bei der Geburt verstorben wäre.“

Für die Familie war es ein Schock, und es dauerte Jahre, sich mit dem Schicksal abzufinden: „Ich habe Spezialärzte bis nach Wien aufgesucht und wollte sogar mit Martin zu Wunderheilern auf die Philippinen fliegen. Zwölf Jahre hat es gedauert, bis ich mich mit der Behinderung abgefunden habe.“ Die Familie der inzwischen 78 Jahre alten Rosemarie Weninger aus Götzens ist daran zerbrochen. Am 20. Geburtstag ihrer Tochter Gabi hat Rosemaries Ehemann die Familie verlassen, seither gibt es keinen Kontakt mehr. Tochter und Mutter kümmerten sich fortan alleine um Martin – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Martin hatte bis zu 15 epileptische Anfälle pro Tag und wäre einmal nach einem Anfall fast gestorben: „Wenn Martin einen Anfall hatte und aus seinem Stuhl gefallen ist, musste ich Leute auf der Straße bitten, ob sie mir beim Hineinheben behilflich sein können.“ Die Anfälle sind im Laufe der Zeit zwar weniger geworden, die Pflege alleine daheim war für die alleinerziehende Mutter dennoch körperlich und finanziell eine große Herausforderung. Mit einer Mindestpension und Pflegegeld wurde es immer wieder knapp: „Im Behördendschungel ist man oft verloren und es wird einem nicht gesagt, wo man überall Hilfe beziehen kann.“

Tochter Gabi war nie eifersüchtig auf Martin, hat aber vor allem in ihrer Jugend darunter gelitten, dass ihre Mutter wenig Zeit für sie hatte und sich viele von der Familie abwandten: „Meine Mutter hat sich ihr ganzes Leben für Martin aufgeopfert. Verwandte und Freunde kamen anfangs vorbei und haben sich nach einiger Zeit nicht mehr gemeldet. Ich bewundere sie, mit welcher Hingabe und Liebe sie seit Jahrzehnten meinen Bruder pflegt. Sie bezieht daraus so viel Willenskraft und Stärke, wo andere schon längst daran zerbrochen wären.“ Mit dem Alter setzt Rosemarie die Pflege ihres Sohnes immer mehr zu. Die 78-Jährige musste in den letzten Jahren einige Operationen auf sich nehmen: „Ich musste ein Lungenkarzinom operieren lassen, dazu brauchte ich aber vorher einen Kurzzeitpflegeplatz für Martin, auf den ich sechs Monate warten musste. Als ich den Pflegeplatz hatte, kam ein Bandscheibenvorfall dazu, der operiert werden musste.“ Bei der Schulteroperation habe sie den Ärzten gleich gesagt, dass sie nur für eine Woche eine Kurzzeitpflege habe und dann wieder nach Hause gehe: „Der Martin braucht mich, über die Jahre habe ich gelernt zu kämpfen.“

Obwohl Rosemarie selbst bereits Pflegegeld bezieht und auf Krücken angewiesen ist, kümmert sie sich weiter um ihren Sohn. Alle zwei Wochen kommt für zwei Wochen eine 24-Stunden-Pflegerin, dazwischen in der Früh und am Abend der Sozialsprengel. Tagsüber ist Martin in der Caritas-Tagesstätte Sillgasse untergebracht. Die größte Sorge für die pflegende Mutter ist es, Martin ins Heim geben zu müssen. Gemeinsam mit Martin in ein Heim zu ziehen, wäre eine Option für Rosemarie: „Wenn das nicht möglich ist, würde ich mir wünschen, dass Martin vor mir gehen darf, damit ich weiß, dass er da oben auf mich wartet und gut aufgehoben ist.“ (TT)


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