„Farinelli“: Arien zwischen Schmelz und Koloraturdonner

„Farinelli“, das neue Album von Cecilia Bartoli, beinhaltet Arien des gefeierten Kastraten des 18. Jahrhunderts.

Cecilia Bartoli gehört zu den bedeutendsten Sängerpersönlichkeiten und leitet seit 2012 die Salzburger Pfingstfestspiele.
© Decca

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Cecilia Bartoli meint, Mezzosoprane und nicht Countertenöre seien die legitimen Nachfahren der Kastraten. Die Counter haben die Bühnen erobert und graben aus dem reichlich vorhandenen Fundus vergessene Noten aus. Die virtuosen Mezzi lassen sich die neuen Möglichkeiten nicht entgehen, La Bartoli ist schon lange selbst in den Archiven zu finden.

Damit treten auch weniger bekannte Komponisten aus der Dämmerung der Musikgeschichte, die den Kastraten das koloraturumtoste Wüten und die schmelzenden Melodien in die geläufige Gurgel schrieben. So kommt Nicola Porpora, heute hauptsächlich als Lehrer von Farinelli (Carlo Broschi), Caffarelli (Gaetano Majorano) und Porporino (Antonio Uberti) beachtet, als Komponist zu neuer Präsenz.

Cecilia Bartoli für „Farinelli“ androgyn mit „Bart“, wie 2017 in Salzburg in Händels „Ariodante“. Kastraten hatten allerdings keinen Bartwuchs …
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Innsbrucks Festwochen-Intendant Alessandro De Marchi hat an dieser Renaissance 2015 mit der Aufführung von „Germanico in Germania“ seinen Anteil, auch stellte er letzten Sommer „La Merope“ mit der zauberhaften Musik von Riccardo Broschi, dem Bruder Farinellis, vor.

Überhaupt geisterte, da die besondere Aufmerksamkeit den Kastraten galt, Farinellis Kunst durch die festlichen Säle. Mit Valer Sabadus etwa durch die Hofburg, der mit „Farinelli und andere Helden“ u. a. auf Nicola Porpora und Antonio Caldaras Azione sacra „La morte d’Abel“ verwies.

Das Stammpublikum der Innsbrucker Festwochen ist gerüstet für Cecilia Bartolis neue CD, die zweite nach „Sacrificium“ (2009) mit Arien von Farinelli. Die römische Mezzosopranistin, die mit ihrer offensichtlichen Freude am Rollenspiel zur Gender-Ikone wurde, versammelt auf dem Album Arien von Nicola Porpora, Geminiano Giacomelli, Johann Adolf Hasse (auch er in Innsbruck wohlbekannt), aus Antonio Caldaras „La morte d’Abel“ und zwei Arien aus Broschis „La Merope“ (eine davon ist als Welterst- einspielung ausgewiesen).

Bartoli berückt wieder mit der Schönheit ihrer Stimme, auch wenn das Fluten nun allmählich etwas kompakter wird, mit ihrem Stimmumfang, der ihr vom Alt- bis zum Sopranbereich so viele Farben ermöglicht, und mit den technischen Möglichkeiten, auch wenn bei allen Perlen nun ein Hauch von Anstrengung mithörbar ist. Die Balance zwischen Affekt und Demonstration sowie ihre herrliche Phrasierung handhabt sie gewohnt perfekt. Elf Arien hat sie hier erstmals eingespielt, die für ihre Stimme transponiert wurden. Das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini ist ihr dabei ein idealer Partner.

„Farinelli“ zeigt viele von Bartolis Qualitäten, reicht aber an „Sacrificium“ nicht heran. Vergleiche gibt es reichlich, denn zahlreiche Sänger und Sängerinnen haben sich diesem bis heute ausstrahlenden, wahrscheinlich größten Sänger des 18. Jahrhunderts gewidmet (Vivica Genaux, Angelo Manzotti, Jörg Waschinski, Simone Kermes, Ann Hallenberg, Philippe Jaroussky, David Hansen, Valer Sabadus u. a.).

Klassik-CD Cecilia Bartoli, Il Giardino Armonico: Farinelli. (Decca).


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