Handel im Wandel: Online-Boom und Pleiten in Österreich

Pleiten und Übernahmen kosteten Tausende Jobs im Handel, Gesamtbeschäftigung blieb stabil. Internet und Shoppingcenter bluteten örtliche Händler aus.

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Wien –Für den österreichischen Einzelhandel waren die vergangenen zehn Jahre teilweise turbulent. Der Vormarsch des Online-Handels und Shoppingcenter am Stadtrand brachten manche Händler unter Druck. Einige namhafte Betriebe wie Dayli/Schlecker, Zielpunkt, Cosmos, Quelle und Vögele schlitterten in die Pleite. Angeschlagene Familienunternehmen wie Baumax, Sport Eybl und Kika/Leiner wurden verkauft.

Bei Pleiten, Zerschlagungen und Übernahmen von Handelsunternehmen haben seit 2010 mehr als 10.000 Personen ihren Job verloren. Die Betroffenen fanden laut Arbeitsmarktservice (AMS) aber fast alle neue Jobs und die überwiegende Mehrheit ist im Handel geblieben. „Die Beschäftigungsentwicklung im Handel war seit 2010 recht konstant. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten hat sich aber erhöht“, sagte der Handelsexperte des Wiener Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Jürgen Bierbaumer-Polly, gegenüber der APA. Es habe auch in konjunkturell schwächeren Zeiten eine starke Ausweitung der Beschäftigung gegeben.

Der Handel spielt eine wichtige Rolle für die österreichische Gesamtwirtschaft und den Arbeitsmarkt. Rund 15 Prozent der Gesamtbeschäftigung entfällt auf den Handel, 2018 waren es rund 550.000 Beschäftigte. Bierbaumer-Polly ortet aber eine Herausforderung für die Lebensmittelhändler: „Durch den steigenden Essensverzehr außer Haus gibt es aber eine Verschiebung der Konsumausgaben vom Lebensmittelhandel in die Gastronomie, was im Gastronomiebereich zusätzlichen Bedarf an Personal erfordert.“

Ein Grund für die zahlreichen Pleiten und Übernahmen von kleinen und großen Handelsbetrieben war oftmals eine zu schnelle Expansion. „Es betrifft nicht nur die Großen. Der Trend, immer stärker flächenmäßig zu wachsen, überfordert manche Händler. Wenn dann die Produktivität nicht passt, kann es sehr schnell bergab gehen“, so der Wifo-Experte. Die unternehmerischen Gründe, warum in den letzten zehn Jahren so viele große familiengeführte Handelsunternehmen in Not gerieten – u. a. Schlecker, Sport Eybl, Baumax, Kika/Leiner –, seien „recht unterschiedlich“.

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Für den Einzelhandelsexperten Andreas Kreutzer von der Wiener Beratungsfirma Kreutzer, Fischer & Partner kann ein Grund sein, dass bei Familienbetrieben „das Festhalten an ehemaligen Erfolgspositionen möglicherweise verfestigter ist als in managergeführten Betrieben“. „Das mag sein, muss aber nicht sein“, sagte Kreutzer. Normalerweise hätten familiengeführte Unternehmen aber einen längeren Atem, weil sie es eher akzeptieren, wenn der Betrieb keine Erträge liefere. Diese Einstellung könne aber auch dazu führen, dass man „viel zu spät“ eine Restrukturierung mit Einschnitten bei Personal und Strategie vollziehe, sagte der Berater.

Das beherrschende Thema im Einzelhandel war in den vergangenen Jahren nach Ansicht von Kreutzer die Konkurrenz durch Online-Händler wie Amazon, Zalando & Co. Rund neun Prozent der Einzelhandelsumsätze in Österreich seien zuletzt auf den Internethandel entfallen, bei Elektrogeräten und Bekleidung liege der Online-Umsatzanteil bei rund einem Fünftel, bei Büchern schon bei rund 30 Prozent. Die Online-Shops würden eine sehr große Auswahl bieten und im Gegensatz zum stationären Handel immer offenhalten.

Kreutzer erwartet, dass in einigen Jahren eine „natürliche Grenze“ beim Internethandel erreicht werde, weil der Online-Anteil in manchen Warengruppen bereits sehr hoch sei. Wenn Beratung, Service und Geschäftsatmosphäre im Laden passen, dann habe der stationäre Handel „eine große Berechtigung“. In größeren Städten könnten Händler mit weiterer Spezialisierung auf die Konkurrenz durch den Online-Handel reagieren, in kleineren Orten sei dies aber nicht möglich. Der Handelsexperte verweist aber noch auf eine andere Entwicklung: Zahlreiche Händler in Ortszentren seien in den letzten zehn Jahren durch Fachmarktzentren und Shoppingcenter am Stadtrand umsatzmäßig „ausgeblutet“ worden. „Das hat mehr geschadet als der Online-Handel.“

Für den Wifo-Experten geht der Wandel im Handel weiter. „Zu den größten Herausforderungen im stationären Handel zählen die hohe Konzentration unter anderem im Lebensmittel-, Möbel- und Sporthandel sowie die steigende Konkurrenz durch den Online-Handel wie auch sich ändernde Konsumgewohnheiten“, so Bierbaumer-Polly. Kreutzer empfiehlt dem Einzelhandel, „wesentlich mehr Aufmerksamkeit“ auf den Verkaufsnachwuchs zu legen. Sein Resümee: „Das Überleben des stationären Handels hängt von Beratung und Service ab.“ (TT, APA)


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