Trump warf „Granate in ein Pulverfass“: Presse zu Konflikt mit dem Iran

US-Präsident Donald Trump lässt sich dafür feiern, den Konflikt mit dem Iran nicht weiter eskalieren zu lassen. Zuvor hatte er aber „eine Granate in ein Pulverfass geworfen“, kommentiert die internationale Presse.

US-Präsident Donald Trump spielte im Konflikt mit dem Iran mit dem Feuer. Dass er den Konflikt nun nicht weiter eskalieren lässt, darf man ihm nicht zu hoch anrechnen, meint die Presse.
© AFP

Washington, Teheran – Internationale Tageszeitungen kommentieren den Konflikt zwischen den USA und dem Iran und die iranische Angriffe auf US-Ziele im Irak am Donnerstag:

Frankfurter Rundschau:

„Anders als bisher wurde der Angriff auf die US-Streitkräfte diesmal nicht von lokalen Büchsenspannern geführt, sondern direkt von iranischem Territorium aus, wie es (der iranische Oberste Führer) Ali Khamenei gefordert hatte. Gleichzeitig scheint die militärische Vergeltung genau kalibriert, auch wenn die Hardliner der Revolutionären Garden weiter kräftig mit den Säbeln rasseln. Nach innen sollen ihre aufpeitschenden Reden Kampfbereitschaft signalisieren und den tristen Alltag für einige Zeit vergessen machen. Nach außen dagegen will der Iran keinesfalls einen offenen Schlagabtausch mit den Vereinigten Staaten provozieren. Gleichzeitig verliert Khamenei aber sein großes strategisches Ziel nicht aus den Augen. Er will die USA mürbe machen und möglichst bald aus dem Irak herausdrängen. Dann hätte Teheran in Bagdad freie Bahn.“

Neue Zürcher Zeitung:

„Nach der Tötung von General Qassem Soleimani durch die USA war klar, dass Iran Vergeltung üben würde. Die nächtlichen Raketenangriffe auf zwei Stützpunkte der Amerikaner im Irak waren nun eine erste, aber vorwiegend symbolische Reaktion auf die Eliminierung des Kommandeurs der Quds-Brigaden. Die Frage wird sein, ob Iran es dabei belässt und ob der amerikanische Präsident Donald Trump auf eine weitere Eskalation des Konflikts verzichtet. (...)

Sollte Trump nun auf eine harte Reaktion auf Irans Raketenangriffe im Irak verzichten, kann der Konflikt womöglich noch einmal begrenzt werden. Beendet ist er mit der iranischen Vergeltungsaktion aber nicht. Teherans strategisches Ziel bleibt der Abzug der Amerikaner aus der Region. Darauf wird die Führung mit ihren Verbündeten im Irak und in anderen Ländern verstärkt hinarbeiten.“

El País (Madrid):

„Nichts kann diese Eskalation rechtfertigen. Weder auf der einen Seite noch auf der anderen. Nicht die iranische Seite, die Raketenangriffe im Irak und im Persischen Golf durchgeführt hat. Und nicht die amerikanische Seite, die als Reaktion auf den Angriff auf die Einrichtungen der US-Botschaft in Bagdad einen iranischen General ermordet hat. Das war in jeder Hinsicht übertrieben und wurde zudem ohne ausreichende vorherige Konsultationen der Sicherheitsbehörden in Washington oder der europäischen Verbündeten getan.

Statt den unangebrachten und missbräuchlichen Anweisungen von (US-Präsident) Donald Trump zu folgen, müssen die Europäische Union – und mit ihr die Unterzeichnerstaaten des Atomabkommens mit dem Iran – beide Parteien auffordern, mit der Eskalation aufzuhören und diese sehr schwerwiegende Auseinandersetzung für beendet zu erklären, bevor sie sich zu einem offenen und unkontrollierbaren Krieg ausweitet.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

„Nach den Drohungen der vergangenen Tage aus Iran, nach den Schwüren von Rache für die Tötung des Generals Soleimani durch die Vereinigten Staaten nimmt sich der Raketenbeschuss fast wie eine Maßnahme aus, so merkwürdig das vielleicht klingt, welche den Konflikt nicht auf die Spitze treiben soll – allerdings auch zeigt, wozu Teheran militärisch in der Lage ist. Die Regierung Trump, die sich auf eine iranische Reaktion eingestellt hatte, scheint den Beschuss so zu deuten, als seien amerikanische Soldaten bewusst nicht zum Ziel genommen worden. Der iranische Außenminister (Mohammed Javad) Zarif hat das Vorgehen als ‚verhältnismäßig‘ verteidigt. Ob damit der nach Soleimanis Tod und den großen Trauerzügen hochgepeitschte Wunsch, Vergeltung zu üben, aus Sicht der Iraner hinreichend befriedigt wurde, wird man sehen.“

Stuttgarter Zeitung:

„Die militärische Vergeltung scheint genau kalibriert, auch wenn die Hardliner der Revolutionären Garden kräftig mit den Säbeln rasseln. Nach innen sollen ihre aufpeitschenden Reden Kampfbereitschaft signalisieren und den tristen Alltag vergessen machen. Nach außen will Iran keinesfalls einen offenen Schlagabtausch mit den USA provozieren. Entsprechend vorsichtig kalkuliert die iranische Führung ihre militärischen Schachzüge. Sie will sich die Option für Verhandlungen offenhalten – vor allem über eine Lockerung der erdrückenden Wirtschaftssanktionen. Khamenei verliert sein großes strategisches Ziel nicht aus den Augen. Er will die USA mürbe machen und möglichst bald aus dem Irak herausdrängen. Dann hätte Teheran in Bagdad endlich freie Bahn.“

Kommersant (Moskau):

„Die Tatsache, dass es bei dem Angriff des Irans auf amerikanische Militärstützpunkte im Irak am Mittwochabend keine Verluste gab, wurde von ihm (Trump) als ein großer Sieg Amerikas interpretiert: Die Iraner wagten es nicht, sich ernsthaft militärisch für den Tod ihres Generals Qassem Soleimani zu rächen. Der Präsident beruhigte seine Landsleute und die Welt um ihn herum und machte deutlich, dass Washington nicht beabsichtigt, den Grad der militärischen Konfrontation in der Region zu erhöhen. Die USA werden den Iran mit neuen, harten Sanktionen zerschlagen, versprach Donald Trump.“

De Telegraaf (Amsterdam):

„Das Weiße Haus geht davon aus, dass der Iran den Schaden bewusst begrenzt hat. Mit ihrem Raketenangriff haben die Iraner tatsächlich eine Möglichkeit zur Deeskalation des Konflikts geschaffen. Die vorherrschende Meinung in Washington ist, dass Trump jetzt diese Chance ergriffen hat. (...) Auch der Iran wird nach den Worten von US-Präsident Trump erleichtert aufgeatmet haben. Das Land hat letzte Nacht alles getan, um Opfer zu verhindern, um Vergeltungsmaßnahmen zu vermeiden. Irakische Behörden wurden im Voraus über die – relativ begrenzte – militärische Aktion informiert. Und Bagdad hat diese Informationen direkt an die USA weitergegeben.

Der Angriff war vor allem eine Show, um der eigenen Bevölkerung, Amerika und dem Rest der Welt zu zeigen, dass der Iran die direkte Konfrontation mit den USA nicht scheut. Der eigentliche Kampf gegen die Amerikaner wird nun wieder im Dunkeln stattfinden, wie das bereits seit Jahrzehnten der Fall ist.“

L‘Alsace (Mulhouse):

„Weit entfernt vom Kriegstreiber, der er vor drei Tagen noch war, hat (US-Präsident) Donald Trump ausnahmsweise einmal nicht hastig reagiert. Er schien sogar in seiner Rede an die Nation die Situation zu beruhigen, indem er weniger Druck auf den Iran ausübte als auf die NATO und die Länder, die versuchten, den iranischen Atomdeal zu retten. Es ist ein gewagtes Manöver, denn schließlich hat sich der amerikanische Präsident als Friedensmacher dargestellt, nachdem er eine Granate in ein Pulverfass geworfen hat. Es ist nicht überraschend: Donald Trump wagt alles. Einschließlich sich selbst zu widersprechen.“

The Guardian (London):

„Erleichterung über Irans zwar erhebliche, aber zugleich fein kalibrierte Rache für die Tötung Soleimanis ist ein verständliches und nachvollziehbares Gefühl. Die Lage könnte viel schlimmer sein als heute. Aber es gibt keinen Grund für Selbstgefälligkeit: Die Gefahren sind nur kurzzeitig ausgesetzt, aber nicht gänzlich abgewendet worden. Während US-Präsident Donald Trump am Mittwoch sagte, es habe den Anschein, dass der Iran sich zurückhalte, werden wir über Monate und vielleicht Jahre hinweg nicht wissen, welche Folgen die Tötung Soleimanis tatsächlich hat. (...)

Ob nun ein Abzug der USA aus dem Irak unmittelbar bevorsteht oder nicht, die Ereignisse der vergangenen Woche haben ihn nahezu unvermeidbar gemacht. Das könnte genügen, den verletzten Stolz des Iran wiederherzustellen. Der Iran könnte sagen, dass man – wie Soleimani es immer wollte – die USA vertrieben habe, die dann ohne jegliches Feigenblatt für einen Erfolg ihrer katastrophalen Invasion (des Iraks) im Jahr 2003 dastehen würden.“

Dagens Nyheter (Stockholm):

„Der Iran kann nicht richtig wissen, was Donald Trump will. Leider gilt das für die gesamte Welt. Und wahrscheinlich den Präsidenten selbst. Seine kurze Ansprache am Mittwoch hat dieses Bild nicht verändert. Trump prahlt gerne mit seiner Unberechenbarkeit. Wenn niemand seinen nächsten Zug kennt, dann werden alle wuschig und begehen Fehler, während die USA dadurch Vorteile erhalten. Wenn es doch nur so wäre. Doppelbotschaften sind selbst dann die rote Linie, wenn Minister der Trump-Regierung den Präsidenten deuten wollen. Die einzige Erklärung dafür ist, dass auch sie nicht begreifen, was er meint. Das gilt auch für die US-Verbündeten von Saudi-Arabien bis zur NATO. Dass weder Freund noch Feind Trumps Launen vorhersagen können, ist eine Schwäche – und keine Stärke.“

Dennik N (Bratislava):

„Trump wird oft vorgeworfen, dass seine Außenpolitik weniger erfolgreich sei als jene seines Vorgängers Barack Obama. Das stimmt aber nicht völlig. Denn tatsächliche Erfolge hatte auch Obamas Politik nur wenige. (...) So arbeitete etwa der Iran während der Gültigkeit von Obamas Atomvertrag munter weiter an der Erweiterung seines eigenen Einflusses und der Destabilisierung der Region.

Auch sein Atomprogramm setzte der Iran fort. Das muss nicht bedeuten, dass er geheim weiter an der Entwicklung einer Atombombe arbeitete. Zu einem sinnvollen Atombomben-Programm gehört auch die Produktion von Raketen, um die Bombe dann ans Ziel zu befördern. (...) Solche Geschütze entwickelte der Iran jahrelang weiter, obwohl es den Atomvertrag gab, denn darin kamen sie gar nicht vor. (...)

Dennoch gilt, dass Trump diesen Vertrag durch nichts Besseres zu ersetzen schaffte, eher im Gegenteil. Die neuen US-Sanktionen können zwar das iranische Regime weiter schwächen. Das wiegt aber nicht auf, dass die USA mittlerweile wegen Trumps Unberechenbarkeit in der Region Glaubwürdigkeit und Verbündete wie etwa die Kurden verlieren. (...)

Das Hauptproblem von Trumps Außenpolitik ist nicht so sehr, dass er oft eine härtere Gangart als sein Vorgänger wählt, sondern dass seine Schritte überhaupt nicht überlegt sind und dass es keine langfristige Vorstellung über die Ziele gibt und darüber, wie diese zu erreichen sind, ohne dass die Risiken größer als der erwartbare Nutzen wären.“

Sme (Bratislava):

„Wenn der Raketenbeschuss auf US-Militärstützpunkte im Irak schon die letzte Salve der Rache für (den getöteten iranischen General Qassem) Soleimani gewesen wäre, könnte man sagen, das schlimmste Ergebnis der Tötung dieses Kopfs des Nahost-Terrors sei ‚nur‘ ein Vergrößern des Misstrauens innerhalb der NATO. Denn dass Trump über den Angriff auch die Verbündeten informiert, die ihre Soldaten in der Region haben, wäre das Mindeste gewesen. Trumps Tweets zeigen aber, dass er durchaus fähig ist, die Eskalation des Konflikts so weit zu treiben, dass es dem iranischen Regime nicht mehr genügt, nur Siegespropaganda (wie die Behauptung über angeblich 80 getötete Amerikaner) zu verbreiten. (...) Wie es dann weitergeht, ist schwer auszudenken.

Aber auch wenn es zu keiner weiteren Eskalation kommt, bleiben schlimme Spuren an der NATO haften. Die Unterschiede in den Sichtweisen auch in Bezug auf die Iran-Krise, in der Europa nicht verstehen will, dass seine Interessen identisch mit denen der USA sein müssen, zeigen sich in solchem Ausmaß, dass sich der Gedanke an eine Aktivierung des Artikels 5 (der zur gegenseitigen Unterstützung im Angriffsfall verpflichtet) auf Antrag der USA wie eine Art schwarzer Humor anfühlt.“

Pravda (Bratislava):

„Der iranische Raketenangriff auf amerikanische Ziele im Irak sah eher nach einer propagandistischen Salve aus. Niemand wurde getötet, und nach Angaben der USA wurde nicht viel Schaden angerichtet. Es ist durchaus möglich, dass es Teheran genau darum ging. Vorher warnte man nämlich den Irak, dass man dort angreifen werde, wo Amerikaner stationiert sind.

Optimistisch könnte man nun erwarten, dass der Iran trotz aller verbalen Drohungen an die Adresse der USA gar keinen großen Konflikt will. (...) Auch US-Präsident Donald Trump hat vorerst keine direkte militärische Antwort verkündet, sondern nur weitere Sanktionen. Pessimistisch könnte man das aber auch nur als Ruhe vor dem wirklich großen Sturm sehen. (...)

Der Iran und mit ihm verbündete Gruppen könnten auch Ziele in Europa ins Visier nehmen. Aber momentan ist es für den Iran sicher besser, dass die Europäische Union zur Entspannung aufruft und sich weiterhin um eine Rettung des Atomvertrags bemüht. Für Teheran ist es vorteilhafter zu warten, wie laut aus Europa die Kritik an den USA wird, weil diese mit der Tötung von (General Qassem) Soleimani die Grundsätze des internationalen Rechts verletzten.“

Lidove noviny (Prag):

„US-Präsident Donald Trump, zu dessen Grundzügen seine Unvorhersehbarkeit zählt, hat erneut überrascht. Diesmal mit seiner Zurückhaltung und Rationalität. Nach dem nächtlichen Angriff des Irans auf US-Militärbasen im Irak hatten viele eine harte Reaktion Trumps erwartet. (...) Doch Trump hat nur sehr vernünftige Forderungen gegenüber Teheran präzise definiert.

Er fordert nicht mehr, dass der Iran seinen gesamten Einfluss in der Region aufgibt, sondern nur ein Abkommen, das garantiert, dass der Iran niemals – wirklich niemals – Atomwaffen besitzen wird. Sollte der Iran zustimmen, arbeitet man mit ihm zusammen. Wenn nicht, droht eine Verschärfung der Wirtschaftssanktionen. Trump greift auf die klassische Politik von Zuckerbrot und Peitsche zurück. Er hofft, dass dies funktionieren wird, und zwar schnell. Denn wenn der Iran erst einmal die Atombombe hat, wird man nicht mehr weiter mit ihm diskutieren können.“


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